McCann, Colum

McCann, Colum | Zoli

Die Wagen des fahrenden Volkes werden von faschistischen Garden aufs Eis getrieben. So: „Rings um den See wurden Feuer entzündet und MGs aufgebaut, sodass sie nicht fliehen konnten. Als es gegen Mittag immer wärmer wurde, zwang man sie, die Wohnwagen in die Mitte des Sees zu fahren. Das Eis brach, die Räder versanken, und der Rest folgte ihnen, Wohnwagen, Pferde, Harfen.“

In nur drei Sätzen formuliert der irische Autor Colum McCann den frühen Holocaust der Roma. Untersucht man diese Sätze genauer, auf ihren Rhythmus, Duktus und Inhalt hin, auf Adjektive (nur eins, ganz folgerichtig, es wird wärmer) und auf das Bedeutungsfeld der Substantive (Wohnwagen, Pferde, Harfen – Freiheit, Leben, Musik), dann wird deutlich, dass alles am richtigen Platz steht. Colum McCann schickt kein Wort zu viel in die Runde. Seine Sätze sind unausweichlich wie das in ihnen formulierte Unglück. Raffiniert sind sie auch, weil sich der sinngebende Rest im Kopf des Lesers abspielt, also die Schreie der Menschen und ihre Versuche, noch unter Wasser die Fensterscheiben der Pferdewagen einzuschlagen.

Colum McCann neuer Roman „Zoli“ findet so einen gewaltigen Auftakt, in dem alles Folgende schon vorweggenommen wird. „Zoli“ handelt vom Überleben und von der Musik, in der Summe vom Überleben einer Musik. Das Romamädchen Zoli ist zu Beginn des Romans fünf Jahre alt, man schreibt die dreißiger Jahre und befindet sich in der Slowakei, in der Nähe von Bratislava. Zoli überlebt das Massaker dank ihres Großvaters, der sich mit ihr im Wald versteckt hat. Der Großvater verhält sich so geistesgegenwärtig wie wortkarg, schnell jetzt und leise sagt er, und später noch mal: Faschistenbrut, und das war’s. Zoli heißt eigentlich Marienka, doch sie wird von ihrem Großvater mit einem Jungennamen gerufen. Er sorgt auch dafür, dass sie lesen und schreiben lernt. Später verheiratet er sie mit einem viel älteren Mann, der ein begnadeter Geigenspieler ist. Die Wahl des Bräutigams unterliegt allein einem Kriterium, Zoli soll weiterlesen und schreiben dürfen. Dazu gibt es reichlich Gelegenheit, denn als die Vernichtung der Roma und Sinti auf Hochtouren läuft, zieht sich Zoli mit ihrer neuen Gemeinschaft, der Kumpanija erneut in die Wäldern zurück. Die ersten eigenen Gedichte und Lieder nehmen in ihr Gestalt an.

Der Großvater wird für seine Entscheidung, die Tochter zu alphabetisieren, von der Gemeinschaft zur Rechenschaft gezogen. Später wird es seiner Enkelin genau so ergehen. Denn Zoli bricht ein Tabu, als sie beginnt, die alten Romagesänge zu verschriftlichen. Sie entfernt sich von ihrer Tradition, indem sie diese der Außenwelt darbietet und so um Toleranz wirbt. Schließlich wird die Dichterin und Sängerin Zoli nach einem alten Gesetz förmlich aus der Kumpanija ausgestoßen. Sie lebt fortan als Verfemte, sie darf sich ihrem Volk nicht mehr nähern.

Die Fallstudie der Zoli Novotna zeigt, welchen Preis das Individuum für Bildung, Entwicklung und die persönliche Freiheit in engen kollektiven Gemeinschaften zahlt. Es gehört zu den Qualitäten des Colum McCann, dass er diese Zusammenhänge klar, aber auch unaufdringlich ausbreitet. Von Hause aus Journalist, hat der Autor lange vor Ort recherchiert, um die alten Sitten und Gesetze der Roma zu begreifen. Vielfach beschwört er den Zauber der versunkenen Kultur. Zugleich legt er deren paternalistische Strukturen offen, und überlässt den Leser seinen eigenen Einsichten.

Der Roman „Zoli“ ist nicht ganz im freien Fall entstanden. Für die Hauptfigur hat die polnische Romadichterin Bronislawa Wajs alias Papusza (1910-1987) Patin gestanden, die ebenfalls das Missfallen ihres Volkes zu spüren bekam. Durch den Übertrag in eine fiktive Biografie gewann Colum McCann unter anderem die Freiheit, den geschichtlichen Bogen bis zum Ende des Kalten Krieges zu schlagen, und so das Panorama einer ganzen Epoche zu zeichnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Zoli in der Tschechoslowakei berühmt. In den ersten, euphorischen Jahren des frühen Kommunismus ehrt man sie als Kundschafterin der bis dahin verachteten Roma, die nun erstmals Bürgerrechte erhalten. Von hier bis zur Staatsdichterin ist es nur ein kleiner Schritt. Als die Stalinisierung der Parteikader voranschreitet, findet sich Zoli zwischen den Fronten wieder. In den späten fünfziger Jahren beginnt eine Kampagne, welche die Roma zur Sesshaftigkeit in neu errichteten Wohnblöcken zwingt. Gegen ihren Willen nutzen die kommunistischen Machthaber Zolis jüngsten Gedichtband für die Propaganda.

Zoli strauchelt, unter anderem auch, weil ein junger Mann sie verrät. Der heißt Stephen Swann, ist halb Ire und halb Slowake, und fungiert zusammen mit Martin Stránský, dem Herausgeber einer Zeitschrift, als Vermittler und Entdecker von Zolis Lyrik. Um die nach Romagesetzen verbotene Liebe zwischen Zoli und Swann ranken sich einige weitere abendfüllende Themen, namentlich Verrat und Schuld, durchgängig auch der Konflikt zwischen engagierter und freiheitlicher Kunst. All dies greift Colum McCann mit der erwähnten Leichtigkeit auf, ohne jemals die Kontrolle über seinen Gegenstand zu verlieren.

Das liegt vor allem an seiner beweglichen Sprache. In den schönsten Momenten wird diese Sprache so leicht, dass man ihr Vorhandensein ganz vergisst Es gibt etliche solcher Momente. „Zoli“ ist ein großer Lesegenuss und das Werk eines Autors, der seinen Gegenstand ganz durchdrungen hat. So lernt man Zolis Lyrik kennen über ihre Art, die Welt zu betrachten: „(…) im Gehen denkt sie, dass man den Grenzen, wie dem Hass, nur deshalb so viel Gewicht beimisst, weil sie sonst einfach verschwinden würden.“ Auch ein Gedicht der Zoli Novotna gibt Colum McCann zu Protokoll. Es dem längsten und bekanntesten Gedicht der Papusza nachempfunden („Blutstränen – was wir von den deutschen Soldaten in Volyn ’43 und ’44 ertragen mussten“). Diese Nachdichtung wäre entbehrlich gewesen, man nimmt es dem Autor längst ab, dass man es bei Zoli mit einer Roma-Dichterin zu tun hat. Das ist umso erfreulicher, da der 41jährige Autor ein beachtliches Wagnis eingegangen ist. Colum McCann, der schon seit langem in New York lebt, hat sich mit der Romasängerin Zoli einer Figur angenommen, die sich seiner eigenen Lebenswirklichkeit entzieht. McCann hat so eine Grenze überwunden, die vielerorts in der Literatur noch wirksam ist. Geht es um ethnische Minderheiten oder gar den Genozid an einem Volk, dann entscheidet die Herkunft des Autors oft mit darüber, ob er Gehör findet, ob seine Aussagen als glaubwürdig empfunden werden. Colum McCann beweist, dass es auch anders geht.

Nach dem Kris, dem Urteil, welches sie aus der Kumpanija verstößt, flieht Zoli durch den Eisernen Vorhang. Im italienischen Tirol beginnt sie ein zweites Leben. Ihr erstes Leben leugnet sie so lange, bis sie am Ende ihrer beider Leben angekommen ist. Dann geschieht etwas ganz Erstaunliches, etwas, was uns, Colum McCanns Leser daran erinnert, dass es nie zu spät ist für die ganz wichtigen Dinge, die unbedingt getan werden müssen. In seiner zarten Schlichtheit ist dieses Ereignis so ergreifend wie dieser ganze Roman.

 

Die Zeit, 2007