McGahern, John

McGahern, John | Unter Frauen

Man kann sich mit John Mc Gahern wahlweise über Euklidische Dreiecke unterhalten, den modernen irischen Roman oder darüber, was zu beachten ist, wenn eine Kuh Nachwuchs bekommt: „Die Hände müssen ganz sauber sein, sonst kann es zu Infektionen kommen.“ Ein Landwirt und Schriftsteller aus Überzeugung ist Mc Gahern, ein freundlich, etwas listig blinzelnder älterer Herr, der irgendwie irritiert, denn den Autor schwermütiger Romane und Kurzgeschichten hat man sich ganz anders vorgestellt.

Aber dann: Was paßt schon zusammen bei Mc Gahern? Wenn der 62 jährige nicht gerade nach Paris jettet, um in der Académie Francaise zu lesen, dann sitzt er auf seiner Farm in Irlands nördlicher Grafschaft Leitrim, trinkt mit den Nachbarn Whisky, verspeist Sandwiches, diskutiert Viehpreise und das Wetter. Sicher, auch Mc Gahern hat Irland verlassen. Er mußte es, denn sein zweiter Roman „Das Dunkle“ landete 1965 auf dem Index und der 31jährige Grundschul-lehrer verlor seinen Job. Doch ist Mc Gahern aus England zurückgekehrt, als der Bann gelüftet war. Er hat sich aufs Land zurückgezogen: „Mein Thema ist Irland, und ich kann darüber nicht aus der Ferne schreiben.“

Doch Mc Gahern schreibt nicht mit dem sympathiegetrübten Blick des Insiders. Ländliche Idylle oder grünes Gras sucht man bei ihm vergebens. Er wahrt Sicherheits-abstand zu seinem Umfeld, auch zum eigenen Leben: „Glück ist Vollendung in sich selbst. Nur Narren schreiben über das Glück.“

Mc Gahern schreibt über das andere Irland, über ländliche Enge und erdrückende Konventionen, über sprachlose Generationen, patriarchalische Familienväter, vereinsamte Frauen, Bigotterie und die Allmacht der Katholische Kirche. Das Scheitern einer Vater-Sohn-Beziehung zieht sich wie ein roter Faden durch Mc Gaherns Werk. In der Kurzgeschichte „Gold Watch“, die wohl zu den schönsten gehört, die Mc Gahern geschrieben hat, schenkt der Vater dem Sohn eine goldene Uhr, ein altes Familienstück. Der Sohn revanchiert sich mit einer hochmodernen Uhr, „shockproof, waterproof, dustproof“. Doch als er, wie jedes Jahr, zur Heuernte nach Hause fährt, wird ihm klar, daß der Vater moderne Zeiten verabscheut. Unausgesprochene Konflikte, stehen zwischen Vater und Sohn, jener hat ohne das Wissen der Eltern in Dublin standesamtlich geheiratet, dieser will Land verkaufen. Schließlich hängt der Vater seine neue Uhr in ein Faß mit Gift, wo sie im kalten Mondlicht immer weiter tickt: „Die Zeit in sich selbst ist fehlerhaft“, sagt John Mc Gahern.

Er hat sein Thema in seinem Romanwerk unendlich variiert, es zur Perfektion geschrieben. In „Das Dunkle“ begegnete man noch einem dumpf gewalttätigen Vater, der Gürtelschläge verteilt. In „Unter Frauen“, Mc Gaherns letztem Roman, ist der Patriarch subtiler gestaltet. Der Veteran des Irischen Unabhängigkeits erzeugt unterwürfige Zuneigung, muß es dennoch erleben, daß seine heranwachsenden Söhne seinem Regime trotzen.

Mc Gahern ist ein langsamer Schriftsteller, einer, der jeden Satz gebiert, der über Jahre sechs-hundert Seiten schreibt und weniger als zweihundert veröffentlicht. „Unter Frauen“ ist das gelungene Ergebnis solch minimalistischen Kalküls. Der Roman wurde in Irland mit Preisen überschüttet und landete auf der Hitliste zum britischen Booker-Preis.

Die vielleicht schönste Würdigung Mc Gaherns stammt von seinem jungen Schriftstellerkollegen Glen Patterson aus Nordirland. Beide waren zu einer Lesung nach Deutschland gekommen und saßen, etwas Bier war schon geflossen, in einer Kneipe. „Ist das ihr Vater?“ fragte eine junge Frau, die zufällig dazugestoßen war. Glen Patterson. lachte, legte den Arm um Mc Gahern und sagte: „Ja. Das ist der Vater des modernen irischen Romans.“

 

Die Welt, 1996