McLiam Wilson, Robert

McLiam Wilson, Robert | Ripley Bogle

Robert Mc Liam Wilson wußte schon mit sieben Jahren, daß er Schriftsteller werden wollte. Ein absurder Wunsch, denn für Sprößlinge achtköpfiger Familien aus katholischen Arbeiterbezirken in Belfast sind Bücher unerreichbar. Wilson stahl sie aus der Bücherei. Als Dreikäsehoch las er Dickens, Thackeray, Tolstoi, Dostojewski. Draußen, in den Straßen Belfasts explodierte ein erste Welle der Gewalt. „Der kleine, spillerigge Junge, den man in Filmen sieht, wie er Steine auf die britische Armee wirft, das bin ich. Wir wurden zum Haß gegen die Engländer erzogen.“

1989, mit 25 Jahren, veröffentlicht Wilson seinen ersten Roman „Ripley Bogle“. Es folgt ein warmer Regen von Literaturpreisen, darunter der Irish Book Award. Dann erscheinen „Manfred’s Pain“ und „Ripley Bogle“. Es gab mal einen Flugzeugpiloten, der Ripley Bogle hieß. Er stürzte im Zweiten Weltkrieg ab und konnte nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden. Wilsons „Ripley Bogle“ ist Stadtstreicher. An seinem 22. Geburtstag sitzt der Arbeiterjunge aus Belfast auf einer Parkbank in London, er kämpft mit dem Frost, Hunger, den Schmerzen einer Messerwunde. Bogle war ein furchtbar gescheiter Schuljunge, ein Student, um den sich die Frauen rissen. Doch dann ist etwas ist schiefgegangen. Darüber denkt er in einem langen Monolog nach, der voller Ironie nicht auf das Mitleid des Lesers zielt, sondern auf diesen gewissen Flecken zwischen Herz und Gehirn.

Ripley Bogle ist Wilsons alter Ego. Als einziges Kind der Familie durfte Wilson eine weiterführende Schule besuchen. Wie Ripley Bogle ist auch Wilson gescheit, von all seinen Freunden aus der Siedlung bestand nur er den Eingangstest zur „Grammar School“. Doch dann, als Sechzehnjähriger rutscht Wilson ab. Er übernachtet ein halbes Jahr lang auf Parkbänken, er erfährt Hunger und Kälte. Von einer „tiefen Verwundung“ spricht er heute. „Dickens war als Kind einige Wochen obdachlos. Das hat ihn so geprägt, daß er sein ganzes Leben darüber schreiben mußte.“ Der junge Schriftsteller kann immer noch nicht an einem Ec-Schalter stehen, ohne Panik zu bekommen, daß einmal kein Geld rauskommt. Es waren katholische Geistliche, seine Lehrer und Gemeindepfarrer, die ihn damals aus der Gosse fischten. Doch Wilson entfernte sich rasch von religiösen und familiären Wurzeln. Er entzweite sich mit seiner Familie, eine Geschichte, bei der seine Freundschaft mit einer Protestantin eine Rolle spielte. Er übersprang noch weitere Gräben, schaffte es als Stipendiat in die erlesene Studentenschaft von Cambridge, die „Meritocracy“ der Briten. Mit gemischten Gefühlen sei er auf die Eliteuni gegangen, sagt Wilosn, doch wurde ihm ein überwältigender Empfang bereitet: „Soviel Schönheit hatte ich noch nie gesehen.“ Seinen Abschluß hat Wilson trotzdem nie gemacht. In der Nacht vor dem Examen setzte er sich an die Maschine und begann den „Ripley Bogle“.

Heute lebt Robert Mc Liam Wilson wieder in Belfast. Er ist verheiratet mit einer Protestantin, er nennt sich Sozialist, Schriftsteller und Satiriker aus Überzeugung. „Als Schriftsteller muß man seinen Paß abgeben“, sagt er. Was bedeutet, daß man zwar Partei ergreifen soll, sich dabei aber keine Nationalismen und schon gar keine gewalttätigen Aktionen aufs Banner schreibt. Mc Liam Wilson verweigert sich jenem Automatismus, nach dem man als Ire Katholik sein muß und Republikaner – „und plötzlich ist es legitim, einen Polizisten umzulegen.“ In seinem nächsten Roman „Heureka Street“ muß sich eine politische Gruppierung namens „Just us“ (Sinn Féin) sich die Frage gefallen lassen muß, warum sie, um die Katholiken zu befreien, so viele Katholiken töten muß. Die Anwort werden die Männer von „Just us“ dem Leser wohl schuldig bleiben.

 

Literarische Woche 1996