Melle, Thomas

Melle, Thomas | Raumforderung

Das karge Cover dieses Erzählbands trügt, an jeder Seite steht „Raumforderung“, doch weder Strenge noch symmetrische Organisation werden abgefragt. Schon in der ersten Zeile der ersten Erzählung beginnen die Wucherungen des Textes: Ediths Wohnung hat Krebs, und die Metastasen treiben Plastikblumen, Goldherzen, Blumenkränze in die Ecken und Augenwinkel. In zwei weiteren Erzählungen wird die Schönheit des Schimmels gewürdigt, Urheber waren beide Male Spaghetti ohne Sauce. Und dann verbreiten sich die Adjektive wie Knöterich, flaumüberbacken, grell und pelzig (…), bläulichblaß, so sind sie, die Schimmelknoten. Der Krebs, die Karzinose, wird in diesen Texten, die natürlich miteinander verlinkt sind wie die in ihnen erschaffenen virtuellen Welten, zum ästhetischen und poetischen Programm des Autors. Denn wenn die Zellen des Textes keiner Codierung mehr gehorchen, dann lässt es sich prima weiterreden bis zum Delirium. Und genau das tut Thomas Melle, Jahrgang 1973, geboren in Bonn, wohnhaft in Berlin, in seinem Prosadebüt „Raumforderung“.

Man kann Melle getrost Worthuberei vorwerfen und noch allerhand mehr, etwa dass seine Figuren an der Flasche hängen, am Netz oder am Tod; jede einzelne ein frei floatendes Bewusstsein und genau dressiert auf die Erwartungen älterer Textbenutzer an jüngere Debütanten. Auch ließe sich einwenden, dass der theoretische Überbau dieser Erzählungen arg groß geraten ist, Melle lässt keine Schnittstelle zwischen Freud, Derrida und Deleuze (Rhizome!) unbesetzt; Kafka, Sartre, Beckett, all die Titanen der Moderne werfen ihre Schatten über die Zeilen.

Und doch. Melles Texte nehmen wider Erwarten für sich ein; es mag an ihrer entwaffnenden Intelligenz liegen oder am messerscharfen Humor des Urhebers, der seine eigenen Ambitionen bewusst zur Schau stellt. In seiner Erzählung „Wuchernde Netze“ schickt einen alternden Schriftsteller an die Rampe, es ist ein höchst theoretischer Schriftsteller, der sich lieber in die nächste Metaschleife hochschraubt, anstatt in schnödem Realismus den Asphalt der Straße zu besingen. Auch neigt dieser Autor zu Krebsbildmetaphern, jähen Richtungswechseln in der Nähe des Abgrunds, genannt Twist; ferner textimmanenten Traumatheorien. 1977 debütierte er mit einem Erzählband Raumforderung, der von der Kritik wohlwollend aufgenommen wurde. Doch der soeben, also 2007 erschienene Roman „Wuchernde Netze“, wird von Frank Schirrmacher verrissen, weswegen das Erzähler-Ich auf leicht gekrümmter Zeit-Raum-Achse sein perforiertes Ego pflegt. Der Ton bleibt heiter und leicht mokant. Auch wenn er berichtet, dass sein Sohn, welcher an einer Neurose leidet, den Weblog des Autors mit höchst intimen Webcam-Aufnahmen aus dessen Schlafzimmer aufforstet. Hier tun sich Türen auf zu zwei weiteren Erzählungen das Bandes, nebensächlich; hauptsächlich aber zur Vater-Sohn-Literatur der 70er Jahre. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gönne meinem Sohn jede Rache, denn ich bin ein Fan des Vatermords.

Der Tod ist ein Dauergast in Melles Erzählungen, wobei dem Krebstod selbstredend die Königsrolle gebührt. Doch wäre es zu preiswert, diesen organisch zu motivieren; auf Alkohol, Tabak, Vererbung zu verweisen. Melle greift in den Fundus der Zeichentherie: Ich glaube an den Text wie andere an Hexenflüche und Zaubersprüche. Ich glaube, daß die Schrift, gerade weil sie dem Tod so nahe steht, auf’s wahre Menschenleben in ebenso vertrackter Weise zurückwirkt wie der Tod selbst. Woran also sollte ein Schriftsteller sterben, der sich dauernd mit der Ästhetik des Karzinoms beschäftigt? Bis zur Diagnose des Kehlkopfkrebses bleiben noch wenige Zeilen. Die Abschnitte der Erzählung sind rückwärts nummeriert, sie strebt ihrer eigenen Auflösung entgegen. Wen kümmert es da noch, wenn auf der folgenden Leerstelle, auf der Null, schon Kafka oder Borges saßen. So schön größenwahnsinnig starb es sich schon lange nicht mehr.

 

Die Zeit, 2007