Okri, Ben

Okri, Ben | Verfängliche Liebe

Wer nach Ben Okris Erfolgsroman „Die hungrige Straße“ nach dem nächsten Titel hungerte, mag enttäuscht sein. Sein neuer Roman „Verfängliche Liebe“, kommt vergleichsweise spröde daher. ohne wildwuchernde Sätze, ohne jenen Zauber übersinnlicher Welten, mit denen der in Nigerien geborene Okri 1991 die europäischen Bestsellerlisten eroberte. Damals kürten ihn die Kritiker zum afrikanischen Messiah eines Magischen Realismus. Und nun?

Solche Ernüchterung gibt Anlaß, über westliche Leseerwartungen nachzudenken. Im Gewande des Exotischen sind die Geschichten der Subkontinente willkommen, nicht aber im Alltagstuch. Diesmal geht es Ben Okri um Ehebruch, Eifersucht, Familienzwist; um Geschichten also, die unter leicht veränderten Prämissen in Pforzheim spielen könnten.

Schauplatz ist das Lagos der frühen Achtziger Jahre, als unter Nigerias junger ziviler Regierung Inflation und Korruption, Arbeitslosigkeit, ehnische und religiöse Konflikte das Land erschütterten. Omovo ist ein Maler, der an der Schwelle zum Erwachsenenalter steht. Er teilt die unerfüllten Wünsche seiner Generation nach einer Ausbildung, einem besseren Leben. Mit seinem Vater und seiner jungen Stiefmutter Blackie lebt er in einer Hütte auf dem „Compound“, einer getthoähnlichen Siedlung für Schwarze. Omovo ist ein sympathischer junger Mann, der um Erkenntnis, Reife und Klarheit ringt. Wie es sich für den Künstlerroman gehört, besitzt Omovo eine außergewöhnliche Sensibilität. Er nimmt die widersprüchlichen Botschaften einer sich desintegrierenden Gesellschaft auf, doch es gelingt ihm nicht, sie in einem persönlichen Wertesystem zu ordnen. Motivations- und tatenlos stolpert er durchs Leben und schließlich offenen Auges ins Unglück: Ifeyiwa, seine junge Geliebte, wird dahingemetzelt wie eine Ophelia.

Ben Okri versteht es, Ifeyiwas Tod, das dramatische Epizentrum des Romans, thematisch und motivisch mit Bedacht zu arrangieren. So wie Omovo sich um eine Komposition ihres Totengemäldes bemüht, hat der Autor sich um Hinweise, Fluchtlinien und parallele Hand-lungsstränge gekümmert. Omovo hat einen Traum von einem gesichtslosen Mädchen, der Ifeyiwas Tod vorwegnimmt und einen grausigen Fund: Einmal stolpern Omovo und sein Freund Keme in einem nächtlichen Park über die Leiche eines jungen Mädchens, die das Opfer ritueller Stammesfehden wurde. Hier ist Ifeyiwas Tod schon besiegelt, doch mag der Leser diese Ikonographie erkennen, Omovo bleibt blind.

Tuwo, Ifeyiwas kümmerlicher, durch Omovo gehahnreihter Ehemann, findet seine Entsprechung in Omovos alterndem Vater. Der läßt sich, als er seine junge Frau auf frischer Tat ertappt, zu einer rachsüchtigen Bluttat hinreißen, die sein Leben und das seiner Familie runiert. In der Schuld des mordenden Vaters wird die des ehebrechenden Sohnes bekräftigt.

Solch kompositorische und ethische Strenge wird aufgebrochen durch üppige Schilderungen des Alltagslebens. Das Gewimmel von Slum und Großstadt verdichtet sich in Omovos versunkenen Streifzügen über den Compound und durch Lagos. Es geht Ben Okri wohl um die gesellschaftliche Dimension seiner privaten Tragödien. Ifeyiwa, Omovo und ihre Altersgenossen fühlen sich als ausgelieferte, verratene, betrogene Generation. Doch wer sind die Schuldigen, wo sitzen die Drahtzieher? Sie verschwinden hinter Okris allzu metaphorischen Pinselstrichen. Immer wieder läßt er den Gestus der Rebellion aufblitzen, der sich dann in Omovos monologisierenden Betrachtungen verliert. Eine „Erleuchtung“ des Künstlers kommt nicht nur klobig daher, sie bleibt auch folgenlos: „Er spürte die Reinheit der Hilflosigkeit, die Zerrüttung der Hoffnung – er sah Höhlen unermeßlicher Korruption, spürte die Last verzweifelt vorgebrachter, unerhörter Gebete. . .“

Okri erklärt in seinem Nachwort, daß er auf einen Stoff zurückgreift, der ihn als 21jährigen „The Landscapes Within“ schreiben ließ. Er habe, sagt Okri, den Geist dieses alten Romanes befreien wollen. So paaren sich in „Verfängliche Liebe“ jugendhaftes Aufbegehren mit dem distanzierten Blick des mittlerweile 36jährigen, in London lebenden Künstlers. Zwischen den Extremen verliert der Roman seine Balance. Er wirkt unentschlossen, kraftlos wie seine Hauptfigur Omovo: Es ist schwierig, heute den Roman von damals zu schreiben. Was nicht heißt, daß man ihn nicht hätte übersetzen sollen. Über den Künstler Ben Okri verrät „Verfängliche Liebe“ nämlich mehr, als jedes Interview. Uli Wittmann, dem man schon die deutsche Übertragung der „Hungrigen Straße“ verdankt, hat auch diesmal wieder ganze Arbeit geleistet.

 

Die Welt, 1996