Pastior, Oskar

Pastior, Oskar | Ein Interview kurz vor seinem Tod

Oskar Pastior, 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen geboren, ist der diesjährige Preisträger des Georg-Büchner Preises. Die Jury würdigte ihn als „methodischen Magier der Sprache“. Pastior habe ein Werk „von größter Radikalität und Formenvielfalt“ geschaffen. In der Nacht zum 5. Oktober verstarb Oskar Pastior, weshalb ihm der Preis in Darmstadt heute (21.10.) posthum verliehen wird. Aus diesem Anlass drucken wir einen Auszug aus einem seiner letzten Interviews. Mit unserer Mitarbeiterin Tanya Lieske sprach Pastior kurz vor seinem Tod über Ideologie und Sprache, Einstein, Newton sowie die Rache des Petrarca.

 

F: Herr Pastior, was hat Sie zur Experimentellen Lyrik geführt?

A: Das hängt mit der relativen Mehrsprachigkeit zusammen, mit der wir in Siebenbürgen aufgewachsen sind und denken gelernt haben. Neben der Muttersprache haben wir die anderen Sprachen mitbedacht, was hören die Rumänen oder die Ungarn oder die Ideologen, die sind ja eine eigene Gattung von Menschen, aus dem, was ich sage, heraus?

F: Kann man sagen, dass Ihre Lyrik auch etwas mit Sprachskeptizismus zu tun hat?

A: Ja. Nolens volens wird es zu einem Skeptizismus. Besonders wenn man erlebt hat, wie 1944/1945 eine Welt in Trümmer gefallen ist. Und damit auch so viele Begriffe, die festgemauert schienen, und nun plötzlich es nicht mehr waren.

F: Wie spiegelt sich diese Zäsur in ihrem Werk wieder?

A: Ich glaube, mein ganzes Werk ist von diesem Lebenslauf gezeichnet. Ich weiß nicht, ob es sonst ein Werk gegeben hätte. Ob ich hätte schreiben wollen. Oder ob ich mit Siebzehn nicht deportiert worden wäre, sondern in den Krieg hätte müssen und gefallen wäre.

F: Ihre Deportation in die Sowjetunion 1945 war sowohl eine schreckliche Erfahrung, als auch Ihre Rettung.?

A: Das war es. Ganz eindeutig ist dieser Ukas von Stalin ausgegangen Deutsche aus Rumänien, aus Ungarn, aus Jugoslawien, aus der Teschoslowakei zu deportieren, zur Arbeit. Und man hat uns als Deutsche ausgewählt, nicht als Rumänen. Und wenn ich dann hier als rumänischstämmiger Dichter bezeichnet werde, dann raubt man mir diese fünf Jahre, die ich ja dort in der Ukraine auch durch Anerkennung der Kollektivschuld verbracht habe. Ich trage diese Schuld mit ab. Das habe ich so empfunden.

F: Die Wurzeln Ihrer Lyrik liegen also sowohl in der Opposition als auch in der Emigration?

A: Emigration wüsste ich nicht. Man hat sich natürlich dem deutschen Sprachraum zugehörig gefühlt. Das hatte nichts zu tun mit Volk ohne Raum, sondern mit der deutschen Literatur, wo immer sie geschrieben wird.

F: Wie hat sich ihr Blick auf den Westen denn verändert, als sie hier angekommen sind?

A: Ich bin ja mitten in die 68er Bewegung hineingekommen. Das waren für mich die interessanten Gestalten, die in einer ähnlichen Abschüttelung sich befanden wie ich. Aber ich fand sie dann auch ziemlich kindisch. Es waren Kinder, die noch mitten in den Kinderkrankheiten staken.

F: Die Studentenbewegung verlangte von der Lyrik das politische Engagement ….

A: Und das war wieder eine Forderung, die ich nicht mitmachen wollte. Ich war auch ein bissel stur, und ich hatte es nicht einfach. Damals wurden keine Teppiche ausgebreitet für Literaten, die nicht aus diesem Teil der Welt kamen.

F: Wer waren Ihre Weggefährten?

A: Ich habe die österreichischen Autoren kennen gelernt. Ich habe den Jandl und die Friedericke Mayrhöcker bei Ihnen zuhause besucht und war stolz, dass ich sie kennen lernen durfte. Artmann habe ich später in München getroffen.

F: Von Artmann kann man die Linie ziehen zu Schwitters und Scheerbart, zum Surrealismus und Dadaismus. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

A: Natürlich, ja. Weniger in der Tradition der Dadaisten, das ist falsch assoziiert. Dada wollte die Kunst abschaffen, und hat sich von dem Abschaffen Wollen genährt, und hat dann doch Kunst gemacht. Ich bin durch meine Opposition zum politischen Dogmatismus in Bukarest zu meinen Positionen gelangt. Nicht durch Max Bense und die hiesigen Theoretiker, auch nicht durch die Wiener Schule.

F: Auch heute haben wir es wieder mit vorgestanzten Floskeln zu tun, an denen man sich ständig stößt.

A: Ja, das ist das unselige Vermächtnis von Platon. Die ganze Glückserwartung der Menschheit steckt in dem Wort „Glück“, das man ja nie ausfüllen kann. Die Glückserwartung ist an die Sprache gebunden.

F: Geht es Ihnen um eine Umgestaltung der Sprache und damit verbunden um eine Korrektur der Erwartungen?

A. Auch. Und es geht auch darum, dass unsere europäischen Sprachen auf dem Stand von vor Newton in etwa sich befinden. Die Erkenntnisse der modernsten Physik kann unsere Sprache nicht mitmachen, weil sie noch in der Opposition von Subjekt und Objekt sich befindet.

F: Hinkt die Sprache unserer Entwicklung hinterher oder steht sie fest?

A: Sie hinkt hinterher. Mir geht es darum, dass die Gedichte Sprachlehre sein sollten. Welcher Syntax muss ich mich bedienen, um transitiv und intransitiv in eins denken zu können? Die Relationen, dass Licht sowohl Welle ist als auch Korpuskel, das kann man nicht mit einer Dialektik à la Brecht versöhnend ineins bringen. Das muss gezeigt werden, aber wie zeigt man so eine Gleichzeitigkeit?

F: Sie versuchen, die Physik seit Einstein in Ihrer Sprache nachzuvollziehen?

A: Ja. Ich weiß ja, dass mir auch nur meine Sprache, unsere Sprache zur Verfügung steht. Aber ich versuche dann, hinterlistig zu sein und nehme die Kombination mit anderen Sprachen. Oder nehmen sie den Titel meines Gedichtbands: Das Hören des Genitivs. Höre ich den Genitiv, oder hat der Genitiv Ohren gekriegt?

F: Es gibt bei Ihren Texten eine sinnliche Komponente, vor allem, wenn man sie hören kann, wenn Sie selbst lesen. Und es gibt eine Komponente, die ist formal und strukturell und wirkt fast starr.

A: Ich glaube nicht, dass sie starr sind. All diese Spielregeln wende ich als guter Oulipote ja an, um neue Dinge entstehen zu lassen. Ich bin kein Lettrist. Die Soundpoetry liegt mir näher. Andererseits ist ja unsere ganze Bildung buchstabenbestimmt. Warum ist A der erste und Z der letzte Buchstabe im lateinischen Alphabet? Im griechischen und im kyrillischen Alphabet ist das anders. Wenn ich meine Gewichtungsregel anwende, A wiegt eins, B wiegt zwei usw., kommt man auf wahnsinnige Erkenntnisdinge. „Danksagung“ wiegt 99. „Baudelaire, du“ wiegt genau so viel wie „Harmonie du soir.“

F: Ein auf Erkenntnis gerichteter Spieltrieb treibt Sie voran?

A: Bei mir ist das Spiel keine leichtfertige Angelegenheit, sondern eine generative und eine kreative Angelegenheit. Ich spiele ja nicht aus Gewinnst, sondern aus Neugier, was kommt raus, wenn ich diese Reduktionsregel anwende. Und bei manchen Funden freue ich mich wie ein Schneekönig.

F: Sie begeistern sich auch für alte lyrische Gattungen, die Villanelle, die Sestine, das Sonett ist noch am ehesten bekannt, woher kommt diese Leidenschaft?

A: Sie haben mir zur Seite gestanden um Texte zu machen, die sonst nicht geworden wären. Ich habe die 33 Sonette von Petrarca in Prosa übersetzt, also schändlich die Sonettform vernachlässigt. Petrarca hat sich darauf prompt gerächt und ich musste Sonette machen. Und ich habe einen Band mit Sonettburgern gemacht. Freilich noch mit einer Zusatz-einschränkung, dass jede Zeile gleich viele Schreibmaschinen-anschläge haben muss.

F: Ist das Ergebnis eine neue Wirklichkeit oder eine neue Erkenntnis der Wirklichkeit?

A: Jedes Gedicht ist eine neue Wirklichkeit.

Herr Pastior, vielen Dank für das Gespräch.