Pierre, D.B.C.

Pierre, D.B.C. | Vernon God Little

Die Satire zum Mord hat Konjunktur. Michael Moores Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“, bekam letztes Jahr ganz unerwartet den Spezialpreis der Jury von Cannes. Seine bittere Realsatire beleuchtet die Umstände eines Massakers an einer Highschool in Colorado. Als hätte etwas in der Luft gelegen, wurde nun ein ähnliches Buch zum gleichen Thema mit einem ebenfalls heißbegehrten Preis versehen. Die Rede ist von D.B.C.Pierres „Vernon God Little“, dem Debütroman eines bis dato unbekannten Schriftstellers, der eine kleinkriminelle Vergangen-heit hinter sich hat, und der mit bürgerlichem Namen Peter Finlay heißt.

In „Vernon God Little“, dem Booker-Preisträger des Jahres 2003, geht D.B.C.Pierre mit viel Ingrimm, Anteilnahme und schwarzem Humor zu Werke. Vernon God Little, der Ich-Erzähler dieses Romans, ist 15 Jahre alt. Vor drei Tagen hat sein bester Freund Jesus eine Schulklasse im fiktiven texanischen Städtchen Martirio niedergemäht. Anschließend hat Jesus sich selbst erschossen. Vernon God Little ist der einzige Überlebende des Massakers. Seine Fingerspuren sind überall und sein einziges Alibi ist nicht vorzeigbar: Es handelt sich um einen Sch … haufen etliche Meter vom Tatort entfernt. Vernon wird schweigen.

Ein groteskes Verhör nimmt seinen Lauf. Deputy Officer Vaine Gurie mampft Spare Ribs, die Soße tropft ihr übers Kinn, während sie die ersten Fragen stellt, die schon klarmachen, dass Vernon verdammt ist. Draußen warten die Fernsehkameras. Nach einer komödiantischen Irrfahrt findet Vernon sich in den Fängen des Video-Händlers Lally Ledesma wieder. Lally hat die Filmrechte für die Exekution von Todeskandidaten an eine große Fernsehanstalt verkauft. Nach Big-Brother-Manier harren die Verdammten in einem geschlossenen Raum aus, werden sie vom Zuschauer abgewählt, beginnt ihr letzter Gang.

Erzählt wird das Ganze mit viel Tempo, schwarzem Humor und in einer Sprache, die die ganze Bandbreite von ordinärem Slang bis poetischer Reflexion ausschöpft. D.B.C. Pierres Mediensatire kreuzt das Genre des amerikanischen Adoleszenzromans: In der Figur von Vernon God Little hallen Salingers „Catcher in The Rye“ nach und natürlich der ewige Huck Finn. Wie sie hat Vernon God Little das Zeug zur Kultfigur.

 

FT, 2003