Plath, Sylvia

Schreiben bis in den Tod

Ein Beitrag zum 50. Todestag der Sylvia Plath am 11. Februar 2013

 

Einige ihrer Gedichte hat die junge Hausfrau und Mutter Sylvia Plath 1962 in einem Hörfunk-Studio der BBC eingelesen. Darunter das Gedicht Fever 103° – ein typisches Plath Gedicht, voller Symbolik, die auf den Tod verweist, die Atomkatastrophe von Hiroshima hat ihre Spuren in diesem Gedicht hinterlassen.  Teuflischer Leopard! Strahlung hat all das geweißt / Und binnen einer Stunde getötet. Sie fettet die Körper von Ehebrechern / Wie Hiroshima-Asche und frißt sich ein. /Die Sünde. Die Sünde. Zwei Strophen in der Übertragung von Alissa Walser.

Die amerikanischen und britischen Zeitschriften, der 50er und frühen 60er Jahre taten sich schwer mit dieser Seite der Sylvia Plath, mit ihren dunklen, geheimnisvollen und schwer zu entschlüsselnden Versen. Sie bevorzugten die Kurzgeschichten der jungen Autorin, die leichter waren, auch humorvoller, die sich dem konservativen Publikumsgeschmack der Zeit beugten. Das sollte sich ändern, quasi über Nacht.

Am 11. Februar 1963 versorgte Sylvia Plath ihre beiden kleinen Kinder Frieda und Nicholas. Sie stellte ihnen etwas zu trinken neben ihre Betten, lüftete, schloss die Tür zum Kinderzimmer. Dann drehte sie den Gashahn auf, schluckte Schlaftabletten, steckte ihren Kopf in den Backofen. Ein Leben endete, ein Mythos begann.

Die ebenso tragischen wie melodramatischen Umstände dieses Freitods, die Jugend der Sylvia Plath, ihre Schönheit, ihr Genie, ihre leidenschaftliche und doch vom Scheitern bedrohte Ehe mit dem englischen Lyriker Ted Hughes, ihre rastlosen Lebens- und Selbstentwürfe, die Suche nach Vollendung, und nicht zuletzt die engen Konventionen ihrer Zeit, die sie zu überwinden trachtete, und denen sie sich doch unterwerfen musste, all das ergibt in der Summe den Mythos der Sylvia Plath. Bei kaum einer anderen Figur der literarischen Moderne steht das Werk seither so im Schatten der Biografie wie dies bei Sylvia Plath der Fall ist. Sie hatte, um mit Joyce Carol Oates zu sprechen, der Nachwelt ihren Freitod als das „fast perfekte Kunstwerk“ dargeboten. Denn ihr ganzes Werk, ihre Erzählungen, der Roman ihre Tagebücher, vor allem aber die Lyrik umkreist den Tod als stilles Zentrum. Man kann sagen: Indem sie aus dem Leben schied, vollendete Sylvia Plath ihr künstlerisches Schaffen.

Schon einmal, als 20jährige Collegestudentin 1953 noch in Amerika, hatte Sylvia Plath versucht, sicher das Leben zu nehmen. Dieser Suizidversuch, von langer Hand geplant, mit Schlaftabletten umgesetzt und doch gescheitert, auch die anschließende Genesung grundieren ihren stark autobiographisch gefärbten Roman „Die Glasglocke.“ Er wurde zur Pflichtlektüre der frühen Frauenbewegung. Wegen ihrer oft bissigen Darstellungen des amerikanischen Vorstadtlebens galt Sylvia Plath fortan als Feministin avant la lettre. 1973, also zehn Jahre nach ihrem Tod,  konstatierte die amerikanische Kritikerin Marjorie Perloff  erstmals den Kultstatus der Sylvia Plath. Der Kult schwappte über nach Europa, vor allem nach Deutschland. Der Stapel der Biografien wuchs, und immer neue Details aus dem Privatleben der Sylvia Plath wurden von der Öffentlichkeit begierig aufgesogen. Ihre Tagebücher, 1982 erstmals in England veröffentlicht, geben Einblick in das innere Leben einer jungen Frau, die sich erstaunlich viele häusliche Pflichten auferlegt, die sich zerreibt zwischen ihren Wunsch nach einem idyllischen Familienleben einerseits, dem Wunsch nach Selbständigkeit, nach Anerkennung, nach Ruhm andererseits. Such daher ist die Ikone Sylvia Plath aus dem feministischen Diskurs seit 1970 nicht mehr wegzudenken.

Begleitet wurde das öffentliche Interesse an ihrer Person von einer verzwickten Editionsgeschichte ihrer Werke, eine Geschichte, in der Auslassungen, zurückgehaltene und vernichtete Texte, sowie die verschiedenen Interessen der Überlebenden, allen voran ihre Mutter Aurelia Plath und ihr Ehemann Ted Hughes, eine Rolle spielten. Der Kampf um die Deutungshoheit des Lebens und Sterbens der Sylvia Plath fand einen Höhepunkt im Jahr 1989. Die einzige von den Erben sanktionierte Biografie der Künstlerin, die der Anne Stevenson, wendete sich gegen Sylvia Plath. Das rief ihre Anhänger auf den Plan. Sie machten sich in ihrem Furor an ihrem Grabstein zu schaffen, indem sie mehrfach ihren Ehenamen Hughes tilgten, was zur zeitweiligen Entfernung des Grabsteins führte.

Eine Beruhigung der aufgebrachten Gemüter ist er erst seit den späten neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts spürbar. Eine zentrale Rolle spielen hier die Birthday Letters von Ted Hughes, postume Briefe an seine Frau, in denen er ihre Stimme und auch sein Gedächtnis ihrer lebendig hält. Wenige Monate nach der Veröffentlichung der Birthday Letters stirbt aich Ted Hughes. Ein Kreis schließt sich.

Das Werk der Sylvia Plath wirkt weiter. Zunehmend, das ist die gute Nachricht, auf eigenständige Art und Weise. Wissenschaftliche Arbeiten entdecken seither neue Seiten an Plath, erforschen die Vielfalt ihrer Stimmen, die metaphorische Verdichtung des Todes in ihrer Lyrik, aber auch die Bedeutung des Trivialen für ihr Werk. Gerade deutsche Verlage bemühen sich um dieses neue, biografieferne Verständnis. Beispielhaft sei hier die lesenwerte Monografie „Sylvia Plath“ der in Zürich lehrenden Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen genannt, ein Plädoyer für Besonnenheit und für die Lektüre der Originaltexte. Erwähnenswert ist auch eine Neuausgabe des Gedichtbands „Ariel“, der erstmals alle von der Autorin vorgesehenen Texte berücksichtigt. Der Übersetzerin Alissa Walser gelingt es hier, eine ganz eigene poetische Stimme zu finden, die die Dinglichkeit und Sinnlichkeit der Plathschen Lyrik mitnimmt, die nichts glättet, die alles Morbide, alles Raue und Kantige gewähren lässt. Ein großer Lesegenuss.

Wenn es je einen Zweifel gab, dass Sylvia Plath genau so gelesen werden wollte, also unabhängig von ihrer Person und ihrem Leben, dann hat sie diesen selbst ausgeräumt. In einem Interview 1962 sagte sie, dass ihre Gedichte zwar aus einer sinnlichen und emotionalen Erfahrung entstünden, aber dass es ihr darum gehe, diese zu beherrschen, aus einem aufgeklärten und intelligenten Bewusstsein heraus zu bearbeiten. Nichts Geringeres ist ihr gelungen. An uns ist es, Sylvia Plath neu zu lesen.

 

 

Bibliografie

 

Sylvia Plath: Ariel. Gedichte. Urfassung Englisch. Übertragen von Alissa Walser. Mit einem Vorwort von Frieda Hughes 228 Seiten, 22,80

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Übersetzt von Reinhard Kaiser mit einem Vorwort von Alissa Walser. Suhrkamp Verlag, 262 Seiten, 22,95

Sylvia Plath: Die Tagebücher. Herausgegeben von Frances Mc Cullough. Mit einem Vorwort von Ted Hughes. Übersetzt von Alissa Walser. Frankfurter Verlagsanstalt, 494 Seiten gebunden, 28,00 Euro

Sylvia Plath: Zungen aus Stein. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Julia Bachstein und Susanne Levin. 272 Seiten Broschur, 14,90

Elisabeth Bronfen: Sylvia Plath. Übersetzt von Andrea Paluch und Robert Habeck. Frankfurter Verlagsanstalt, 220 Seiten gebunden, 19,50