Poppe, Grit

 

Grit Poppe | Schuld

Die Art von Schuld, um die es in diesem Roman geht, wurde vielen Bürgern der ehemaligen DDR nach dem Fall der Mauer bewusst. Irgendwann liegt die Akte aufgeschlagen vor demjenigen, der die Wahrheit sucht, und es stellt sich heraus, dass die nächsten Angehörigen für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet haben. Der IM Rudolph verpflichtet sich zur politisch erzieherischen Einflussnahme mit dem Ziel, eine feindlich-negative Haltung seiner Tochter zu unterbinden, schreibt Grit Poppe.

Man muss nicht dabei gewesen sein, um zu ahnen, wie nah sich dieser Satz am Zeitgeschehen der DDR der späten 80er Jahre bewegt. IM Rudolph ist ein aufstiegswilliger Genosse, den seine Karriere in die Hauptstadt geführt hat. FDGB-Erholungsheim war gestern, heute wartet ein Hotel in der Nähe des Flughafens Schönefeld auf ihn als Leiter, den Wartburg fährt er schon, Telefonanschluss wird folgen.

Die Tochter des Genossen heißt Jana, sie ist 15 Jahre alt und besucht nun die EOS in Berlin. Jakob ist ihr Banknachbar, er sieht anders aus als die übrigen Jungen. Seine Jeans haben Löcher über den Knien, um den Hals baumelt eine Kette mit Peace-Anhänger. Seine Eltern haben die Ausreise beantragt. Eines Tages gibt Jakob Jana ein Flugblatt, auf dem die vier Worte stehen, mit denen man sich noch 1988 um Kopf und Kragen bringen konnte: Die Mauer muss weg. Das Flugblatt verschwindet aus Janas Zimmer. Der Leser ahnt – leider viel schneller als die junge Protagonistin dieses Romans – wer das Flugblatt genommen hat. Janas Vater ist derjenige, der beim Essen den Salzstreuer gerade rückt und von Spielregeln, Chancen und vermeidbaren Fehlern spricht.

Die sehr offensichtliche Freund-Feind Konstruktion macht es der Autorin leicht, die Identifikation ihrer Leser zu steuern. Literarisch gesehen wirkt in diesem Verfahren aber manches wie vom Reißbrett, die subalternen Tiraden des Vater genau so wie Schweinsäuglein, Glatze, feistes Gesicht, wie die eiskalten Blicke, die herabhängenden Mundwinkel der Gegenseite, seien es nun Stabilehrer, Gefängniswärter, Stasi-Mitarbeiter oder Staatsanwältin. Sie alle bedienen wie Marionetten das System, wohingegen Jana und Jakob auch größtem Druck nicht weichen; sie weigern sich, ihre Weggefährten zu beobachten oder zu verraten. Bei solch illustrierendem Erzählen verschwinden Zwischen- und Grautöne, und es wird eine größere Chance vertan. Wenn es in der tieferen Struktur dieses Romans tatsächlich um Schuld gehen sollte, dann dürfte damit nicht die Schuld der Anderen gemeint sein. Jana und Jakob aber werden nicht schuldig, sie werden zum Opfer, erkennen dies auch nach dem Mauerfall und finden einander wieder.

Nun ist Grit Poppe, die 1964 in Boltenhagen an der Ostsee geboren wurde, und die sich in der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ engagiert hat, eine gute Kennerin der DDR der letzten Jahre. Sie hat für diesen Roman mit weiteren Zeitzeugen gesprochen und eine Brache gefüllt. Man hat noch nicht so viel gelesen von den Bedingungen des Strafvollzugs für Jugendliche in der späten DDR. Wer, auch noch so jung, zum Staatsfeind wurde, konnte vom Erdboden verschwinden, wurde mit einem Gefangenentransport namens Grotewohl-Express durch die Lande geschickt, mochte wie Jakob in einer Einrichtung, die den klingenden Namen Jugendhaus trug, verwahrt werden. Physische und psychische Misshandlung, Einzelhaft, die Nullebene einer Diktatur, ihre Rache an denen, die sie eigentlich schützen sollte, all das erweckt Grit Poppe in diesen Passagen zum Leben.

Überhaupt kann man mit diesem Roman noch einmal in die DDR der letzten Monate eintauchen, wie sie gerochen und geschmeckt hat, welche Kleidung die Jugendlichen getragen haben, welche Zigaretten geraucht wurden und was es mit der Aktuellen Kamera auf sich hatte. Die entsprechenden Begriffe sind kursiviert und tauchen in einem Glossar im Anhang noch einmal auf. So darf dieser Roman Schuld denn auch gelesen werden, als eher lexikalisches Verzeichnis einer Epoche, die vor einem Vierteljahrhundert geendet hat, für immer.

 

 

 

 

Literarische Welt 2014