Poswiatowska, Halina

Poswiatowska, Halina | Immer wenn ich leben will / Gedichte

Halina Poswiatowska ist in Polen eine Dichterin mit Kultstatus. Außer ihren Gedichten verdankt sie dies dem Umstand, dass sie jung, schön und früh verstorben ist. Ihre fulminante Präsenz zu Lebzeiten, ihr früher Tod und die Gewichtung, die ihre Gedichte postum erfuhren, lassen an die Biographie der Sylvia Plath denken. Wie diese, so verkörpert auch Poswiatowska einen Haltepunkt in der Literatur ihres Landes.

Halina Poswiatowska wird 1935 als Helena Myga im Wallfahrtsort Tschenstochau geboren. Durch Kriegsumstände verschleppt sie eine Angina, daraus wird eine lebensbedrohliche Herzkrankheit. Ihre Jugend verbringt Poswiatowska in verschiedenen Krankenhäusern und Sanatorien. Die Schule besucht sie nur sporadisch, sie wird von ihrer Mutter unterrichtet und verschlingt Bücher. Sie entdeckt die Literatur als Weg, um mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen.

1956 veröffentlicht Halina Poswiatowska zwei Gedichte in der Gazeta Czestochowska, im Jahr darauf gelingt ihr der landesweite Durchbruch. Ihr Debüt fällt in eine Zeit, in der in Polen das Tauwetter eingesetzt hat, die Schriftsteller wenden sich ab von der staatlich verordneten Doktrin des sozialistischen Realismus. Poswia-towska ist an diesen Debatten nicht interessiert. Auch der strenge Katholizismus ihrer Heimat hat keine Spuren in ihrem Werk hinterlassen. Poswiatowska schrieb sehr private, betont subjektive Gedichte. Als erste Schriftstellerin bekennt sie sich zur Sinnlichkeit und Erotik. Diese sind gleichbedeutend mit dem Leben, welches gegen einen personalisierten Tod kämpft. In einem ihrer vielen Gedichte ohne Titel heißt es: „er ist mit uns /…/ er widerspricht unseren Bewegungen / drückt uns zu Boden / mit dem Duft / mit der Wärme / hält er für immer / die vor Liebe Ohnmächtigen / auf der rauhen Erde – der Tod.“

Halina Poswiatowskas Lyrik kreist um die Mitte ihrer Sterblichkeit. Das lyrische Ich bereitet sich auf den Tod vor und es leistet Widerstand. Der Spannungsbogen in ihren Gedichten rührt aus diesem Gegensatz, die Note der Resignation daher, dass der Ausgang des Zweikampfs immer schon feststeht. In dem titelgebenden Gedicht der vorliegenden Anthologie heißt es: „Immer wenn ich leben will schreie ich / wenn das Leben von mir geht / klammere ich mich daran / ich sage – Leben / geh noch nicht /…/ ich hänge mich an seinen Hals / schreie / ich sterbe wenn du gehst.“

Bisweilen weicht dieser Zweikampf dem lakonischen Gestus des Carpe Diem: „und ich sitze am Ofen / und versuche sie zu ertappen / auf frischer Tat – die Zeit / das leichte Wogen der Gardinen / das Phosphoreszieren der Wände / den Tanz der Bücher / auf dem Holzregal (…)“

Halina Poswiatowska hat in die Zeit, die ihr bemessen war, so viel hineingestopft wie andere in ein ganzes Leben. Den ebenfalls herzkranken Ryszard Poswiatowski hat sie mit 18 Jahren in einem Sanatorium kennengelernt. Wenige Monate später war sie verheiratet, in zwei Jahren Witwe. „Der, der mir den Ring gab, hat schon lange / keine Finger mehr, seine Hände wurden eins mit den Baumwurzeln“, heißt es in einem ihrer bekanntesten Gedichte.

Poswiatowska verbindet keine Erlösungserwartung mit dem Zerfall der Materie: „manchmal kommt das klare / Bewusstsein der Notwendigkeit / Zerbröckelter Erde / ich weiß nicht wohin nach dem Tod / die kleinsten Partikel gehen / ich kann ihnen das Paradies nicht versprechen.“

1958 finanzieren ihr Exilpolen und wohlhabende Amerikaner eine Reise nach Amerika, wo sie am offenen Herzen operiert wird. Der Eingriff glückt. Nun kann Poswiatowska atmen und schnell rennen, zwei Tätigkeiten, die sie in ihren Texten als Synonym des Lebens benennt. Sie schießt alle ärztlichen Mahnungen in den Wind und bricht ihr Versprechen, sofort nach Polen zurück zu kommen. In kürzester Zeit lernt sie Englisch und besucht Sommerkurse an der Columbia-University in New York. Dann folgt ein Stipendium für das Smith College in Massachusetts, wo drei Jahre zuvor Sylvia Plath graduierte. Von den Jahren in Amerika berichtet Poswiatowska in ihrem autobiographischen Roman „Erzählung für einen Freund“, der sich als ergänzende Lektüre zu den nun erschienenen Gedichten eignet.

1961 kehrt Poswiatowska nach Polen zurück. Sie studiert Philosophie und unterrichtet in Krakau. 1967 stirbt Poswiatowska im Alter von 32 Jahren, sie hinterlässt neben den genannten Texten zwei Erzählungen und ein Bühnenstück. Während sie sich in Polen wachsender Beliebtheit erfreute, geriet sie im Ausland in Vergessenheit. Dem Drängen ihrer Übersetzerin Monika Cagliesi – Zenkteler und dem Einsatz des Piper-Verlages ist es zu verdanken, dass man ihre Gedichte nun auch auf Deutsch lesen kann.

 

Die Welt, 2002