Powers, Richard

Powers, Richard | Das Echo der Erinnerung

Richard Powers gilt als Ausnahmeerscheinung der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Der 49jährige ist eine Hochbegabung, ein Job als Physiker im Silicon Valley hätte ihm offen gestanden, nach Belieben auch eine Karriere als Cellist. Beide Impulse hat er fortgetragen in das Feld seiner Wahl, in die Literatur. Seine umfangreichen Romane nähern sich ihrem Sujet, der Erkenntnis, von zwei Seiten. Powers will die Welt in einem Atemzug erschaffen und verstehen, die Konstruktion treibt ihn ebenso voran wie die Analyse.

Berücksichtigt man noch die gewieften Interessen des Autors, in lockerer Reihung sind dies Quantenphysik, Theorie der Zeit, virtuelle Realität oder auch die Gentechnologie, erklärt sich Richard Powers‘ Hang zur literarischen Versuchsanordnung von selbst. Um es vorneweg zu sagen, das macht nicht nur froh. Bei der Lektüre seines jüngsten Romans, „Das Echo der Erinnerung“, fühlt man sich hin und wieder wie ein Gast in einem wissenschaftlichen Labor. Man sieht zu, wie der Autor seine Versuchsketten in ordentlicher Reihung auslegt, diverse Testpersonen in Umstände verwickelt, diese dann auf Ursache und Wirkung hin überprüft.

Der Schauplatz des Romans ist Kearney, Nebraska, ein Flecken im amerikanischen Mittleren Westen. Riesige Maisfelder und ein Highway, der den Kontinent schnurgerade in Ost-West-Richtung durchläuft, evozieren die ereignislose Leere dieser Landschaft. Mark Schluter, 27 Jahre, Autonarr und Angestellter der örtlichen Fleischfabrik, überschlägt sich auf dieser Landstraße in einer kalten Nacht im Februar 2002. Er kommt nur knapp mit dem Leben davon. Als er aufwacht, hat sich seine Persönlichkeit verändert, für immer. Er leidet an dem so genannten Capgras-Syndrom, einer partiellen Störung des Erinnerungsvermögens. Capgras-Patienten erkennen ihre nächsten Angehörigen nicht mehr, halten sie für Doppelgänger oder auch Agenten eines Geheimdienstes.

Sein Argwohn gilt seiner Schwester, Karin Schluter. Sie reist sofort an, gibt ihren Job in einer Computerfirma auf, um das zu tun, was sie schon immer tat, den jüngeren Bruder zu betreuen. Karin Schluter wiederum zieht Dr. Gerald Weber zu Rate, einen gestandenen, renommierten Gehirnforscher mit literarischen Ambitionen, für dessen Figur der amerikanische Neurologe und Erfolgsautor Oliver Sacks Pate gestanden haben mag. Falls ja, so wird der in ein kritisches Licht gerückt: Webers Therapieversuche bleiben nämlich erfolglos. Ein Medikament, welches er Mark Schluter verordnet, führt sogar zu einem Selbstmordversuch des Patienten.

Mark, Karin und Gerald Weber treffen in der Klinik auf Barbara Gillespie, eine charismatische Krankenschwester mit rätselhafter Vergangenheit. Und alle erliegen ihrer geheimnisvollen Aura, hegen geheime, auch erotisch motivierte Wünsche in bezug auf Barbara. Deren rätselhaftes Betragen ist zu verstehen als der Trumpf im Ärmel des Autors – von Anfang an ist klar, dass Barbara eine Doppelrolle spielt. Im Verein mit der ungeklärten Ursache des nächtlichen Unfalls ergibt sich so ein kriminalistisches Moment, welches den Roman vorantreibt und umklammert. Hier bündelt Richard Powers seine diversen Erzählstränge: „Das Echo der Erinnerung“ ist ein breiter, episch angelegter Roman mit viel Raum für Nebenhandlungen, biografische Einsprengsel, Abschweifungen und Exkurse. Es ist auch ein redseliger, dialogreicher Roman, der an seinen eigenen Ambitionen zu ersticken droht. Der Bewusstseinsroman erschlägt den Krimi, auch das Umgekehrte ließe sich feststellen.

Zwei Männer Anfang dreißig sind noch zu erwähnen. Die Figuren sind kontrapunktisch entworfen, entwickeln sich auch zu Kontrahenten. Beide sind Karins Jugendfreunde, ein hagerer, veganer Naturschützer der eine, der andere ein Immobilienhai mit Bauchansatz. Mit Daniel Riegel fängt Karin eine Affäre an, mit Robert Karsh flirtet sie nur, trägt dabei wichtige Informationen von dem einen zum anderen. Denn Daniel will die Kraniche schützen, jene imposanten Zugvögel, die jährlich zur festgesetzten Zeit in Kearney landen und rasten. Robert Karsh aber plant direkt am Platte River ein Erlebniszentrum für Touristen, ihm geht es um den schnellen Gewinn. Letzterer trägt mit bestechender Unerbittlichkeit den Sieg davon. Im Jahr nach 9/11 hat Richard Powers den Puls seiner Landsleute gemessen, und er hat die Ergebnisse genau notiert.

In dem Motiv der Kraniche, die am Platte River rasten, tanzen, sich paaren und wieder abreisen, findet dieser Roman sein immaterielles Zentrum. Hier gelingt es Richard Powers immer wieder, seinen epischen Mahlstrom zu durchbrechen. Wenn er das Symbol des Kranichs in den verschiedenen Kulturen erklärt, wenn er auf den inneren Zusammenhang zwischen dem Fuß des Kranichs und dem Bild des Stammbaums zu sprechen kommt, dem pié de grue, dem pedigree, dann steht plötzlich etwas still. Es ist, als hätte man das Hintergrundrauschen eines Radios abgestellt, damit ein einziger, unverfälschter Ton im Zimmer hörbar wird. Mehr von dieser konzentrierten Erzählweise, und der Roman wäre mit weniger Worten ausgekommen.

Was also treibt Richard Powers voran? Es geht ihm um nichts Geringeres als die Frage, wie sich das menschliche Bewusstsein konstituiert. Am Phänomen des gestörten Erinnerungsvermögens konstatiert er zunächst die Fragilität des Bewusstseins. Bei Mark Schluter, dem Capgras-Patienten, ist eine winzige und zarte Verbindung im Gehirn gerissen, Kortex und Hippocampus haben sich losgesagt von der Amygdala, einem stammesgeschichtlich älteren Teil des Gehirns, der für die emotionale Zuordnung der Wahrnehmung zuständig ist. In der Folge weigert er sich, jenen Menschen zu erkennen, der ihm am nächsten steht.

Ein Drähtchen brennt durch, und der Verstand setzt aus: Im Konflikt zwischen Sein und Bewusstsein plädiert Dr. Gerald Weber für das Primat der Materie über den Geist. Zahlreich und auch reich an Fakten sind die Passagen, in denen der Neurologe immer wieder ausführt, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Der Mensch ist Spielball seiner Emotionen, der Mensch ist evolutionsgeschichtlich primitiver, als er es wahrhaben will. Der Freie Wille ist eine Schimäre, das Ich konstituiert sich willkürlich entlang einer eigenen Fiktion, die in jeder Sekunde durchbrochen werden kann.

Doch Richard Powers gibt sich damit nicht zufrieden. Spiegelbildlich zur Fallstudie des Mark Schluter gerät auch die Persönlichkeit des viel älteren Dr. Gerald Weber aus dem Gleis. Diesmal gibt es keinen mechanischen, sondern einen seelischen Auslöser für die Verwirrung. Der Fall des Mark Schluter führt Dr. Weber in eine Krise, die sein ganzes Werden und Schaffen in Frage stellt. Hilflos sieht er zu, wie er sich in seiner Biografie verirrt, und alle Theorie bleibt grau.

Für den nicht erklärbaren Rest stehen die Kraniche. Deren Gedächtnis bleibt intakt. Sie erinnern sich auch, über Jahrtausende hinweg und unverrückbar, an ihre Flugroute. An die archaische Existenz der Kraniche lehnt sich eine letzte Erkenntnis an, die als Botschaft des Romans verstanden werden will. Es spricht der Neurologe Gerald Weber: „Sein Hirnstamm ist noch immer eine Zuflucht für ältere Verwandte; an der Biegung des Flusses kehren sie immer wieder von neuem zurück. Er stolpert dieser Erkenntnis entgegen, der einzigen die groß genug ist, das sie ihn nach Hause bringen kann.“ Will heißen: trotz Hightech und Heisenbergscher Unschärferelation befindet sich der Mensch immer noch an einem ganz urwüchsigen Punkt. Er braucht seinen Nächsten.

Mit dieser überraschend emphatischen These endet ein Roman, der so viel Wissenschaft bietet wie wenige andere. Tatsächlich darf man sich „Das Echo der Erinnerung“ als ein Zwitterwesen vorstellen, gekreuzt wurde die Gehirnforschung mit dem Gegenwartsroman. Auch wenn das Ergebnis nicht auf der ganzen Strecke überzeugt, gebührt Richard Powers Aufmerksamkeit für sein Unterfangen: Für „Das Echo der Erinnerung“ wurde ihm der National Book Award zugesprochen, einer der wichtigsten Literaturpreise der USA.

Nachzudenken wäre dann noch über die Frage, warum sich in unseren Tagen alles auflöst, die Nationalökonomien, die Ozonschicht und eben auch die Grenzen der Literatur. Ein andermal.

 

Die Zeit, 2007