Proust, Marcel

Proust, Marcel | Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Marcel Proust brauchte neun Jahre, um die Zeit verlieren und wiederzufinden. Zwischen 1913 und 1922 verfasste er sein siebenbändiges Lebenswerk „A la recherche du temps perdu“. In gebotener Hast, denn der Asthmatiker schrieb gegen seinen Tod an. Die letzten drei Bände erschienen posthum.

Ein kleines Wunder ist es also, daß Proust mit dem literarischen Stoff Zeit so unbeschwert umging. Er raffte nicht sondern dehnte; er schuf einen Bewußtseinsstrom, in dem sich Henri Bergsons „Durée“ wiederfinden und Freudsche Erinne-rungstechniken, in dem die Lesezeit hinter der gelesenen Zeit verschwindet. Jene Proustsche Madelaine, die, von Tee getränkt, eine Geschmackssymphonie ergibt, in der andere Zeiten, Orte und Begebenheit erklingen, hat Generationen von Schriftstellern den Atem verschlagen.

Doch wer hat heute noch Zeit das alles zu lesen? Was fehlte, war eine Proust-Abbreviatur, die im Eilschritt durch sein Werk führt. Der DTV-Verlag hat eine solche ausgegraben, sie übersetzt und nun zum 125. Todestag des Romanciers am 10. Juli veröffentlicht. Unter dem Titel „Der gewendete Tag“ sind hier 19 Vorabdrucke von Kapiteln zusammengefaßt, die Proust selbst zusammengestell hatte und die zwischen 1912 und 1923 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Diese Texte sind nicht immer identisch mit den späteren Buchkapiteln. Doch die wichtigsten Orte und Personen tauchen auf: Paris und Combray, Herr und Frau Swann, Gilbertine, Albertine, die Mutter und kränkelnde Großmutter des Erzählers. Das Ganze ergibt ein Kaleidoskop des Proustschen Oeuvres, eine Kostprobe des eigenwilligen Stils dieses Jahrhundertautors und einen Einstieg fürs Weiterlesen.

Auf die Madeleine muß der Leser allerdings verzichten – wie hätte Proust auch ahnen sollen, daß sie einst seinen Ruhm begründen würde?

 

Die Welt 1996 in Vorabdrucken. Herausgegeben und übersetzt von Christina Viragh und Hanno Helbling. DTV Klassik, 24, 90 Mark.