Rey, Catherine

Rey, Catherine | Was Jones erzählt

Allein die Namen. Tarcisius Nagalingam heißt der Typ, Magnolita Rosaria Desmond seine Frau. Die Söhne: Abraham, Sutter, Todd. Die Enkelin: Trinity. Samuel Aaaron Jones del Peissis der Erzähler. Um mit letzterem zu beginnen, er hat ein Auge vorne und eines hinten, einen Papagei auf dem Kopf; er steht irgendwo auf einem Podest und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Jones ist ein hoffärtiger Marktschreier, desssen Aufgabe darin besteht, den Aufstieg und den Fall eines Clans darzubieten.

Zu ihren Glanzzeiten waren die Nagalingams eine Zirkusdynastie. Tarcisius hat Löwen gebändigt, seine dreißig Jahre jüngere Frau mit atemberaubender Geschwindigkeit am Trapez geschwungen. Ihr gemeinsamer Zirkus hieß Queen Pigmy Circus, benannt nach einer lebenden halben Frau, die Tarcisius einst zwischen Vogelkäfigen in Schanghai entdeckt hat. Queen Pigmys Alabasterbusen wird die Hauptattraktion des Zirkus‘. Trotzdem war eines Tages das Geld alle. Die Tiere fraßen einander auf. Die Familie ließ sich in einem Goldgräbernest am Rande der Wüste nieder. Die Gegenwart der Erzählung begann.

Catherine Rey, die Autorin dieses ungewöhnlichen Roman, wurde in Frankreich geboren. Mit fünf erfolgreichen Büchern gehörte sie zum inneren Kreis der Literaturszene. Mit 40 schmiss sie das Handtuch (Lehrerin in Bordeaux) und zog nach Westaustralien. Seit acht Jahren lebt sie in Perth, an der Westküste. Dort, wo Australien besonders australisch ist; wo nach einem schmalen Küstenstreifen die Wüste Gibson beginnt, und wo der Mythos vom Busch alle ironischen Selbstzitate unbeschadet überstanden hat.

Catherine Reys Roman „Was Jones erzählt“ ist das Ergebnis eines radikalen Wechsels der Kulturperspektive. Abendland meets Outback. Die literarischen Spuren ihrer Erzählung verzweigen sich über Rabelais und die Bibel bis hin zur griechischen Tragödie. Der Schauplatz aber liegt am Rande der Zivilisation. In der ehemaligen Goldgräbersiedlung Tompton gibt es wenig außer Fliegen und Langeweile. Gleich zum Auftakt des Romans ist von den Januarfliegen die Rede. Lieber Leser, aufgepasst, wir befinden uns in den Antipoden, hier gurgelt das Wasser linksherum durch den Ausguss. Hier sind sie Gesetze der Schwerkraft aufgehoben.

Jones, der Erzähler, rezitiert mit dem heiseren Geschrei des Bänkelsängers: „Dieser Mann ist erleuchtet, glauben Sie mir!“ Seine anfängliche Süffisanz weicht unverholener Schadenfreude, als klar wird, dass bei dieser Familie nichts zu retten ist. Tarcisius Nagalingam, seinem Namen nach dürfte er ein Schwarzer sein, liegt im Sterben. Er ist fast hundert, er riecht schon, die Januarfliegen umkreisen ihn, seine beinahe-Witwe Magnolita greift in die alte Zirkusschachtel um die Trauergarderobe zu finden. Doch der Kerl lässt sich Zeit. Magnolita lässt ihn auf die Veranda schaffen, wo er noch weitere 35 Jahre lang vor sich hinsiecht.

Derweil beendet seine Frau ihr mütterliches Zerstörungswerk. Sie hat ihre Wespentaille von einst verloren. Nunmehr ist sie ein Koloss schwabbelnden Fleisches und mit einem Hass auf die Welt im allgemeinen, ihre Nachkommen im besonderen gesegnet. Ihre Söhne Abraham, Sutter und Todd hat sie gelehrt, „das Geld zu ehren und die Menschen zu verachten.“ Nach alter Manier der britischen Gentry geht der Älteste zum Militär, der Mittlere zum Priesterseminar, der Jüngste wird Farmer.

Es läuft alles nach Plan. Abraham zündelt, plündert und vergewaltigt in Flandern, später auch im heimischen Tompton. Sutter, er hat nur einen Arm und muss die Soutane knoten, steigt gerne auf einen Plastikkanister, um der Dorfstraße das jüngste Gericht zu predigen. Todd, der Jüngste, lügt, betrügt und stiehlt. Er heiratet auch. Nachdem ihm die fleischige Mary ein Mädchen geboren hat, wird sie in den Lagerraum gesperrt, wo sie fortan mit Nagalingam um die Wette krepiert, während der Rest der Familie flucht, säuft und prügelt. So viel schwarzer Humor, so viel gestaltete Scheußlichkeit war selten. Catherine Rey entfaltet ihr Pandämonium mit knappen und präzisen Bildern. Claudia Kalscheuers glanzvolle Übersetzung hat hierbei alle Aufmerksamkeit verdient.

Trotz der gleichfalls gelungenen Übertragung von Andrew Reimers haben die australischen Leser mit höflicher Reserve reagiert. Das mag daran liegen, dass sie ihren Outback nicht gerne verhunzt sehen; und wenn schon, so erledigen sie es am liebsten selbst. Der Vorwurf lautet also auf Inkompetenz: „Rey seems to know almsot nothing of Australia“, mäkelt ein Literaturprofessor in der Canberra Times. Tja. Von hier aus gesehen, wo das Wasser rechtsherum abfließt, stören solche Details nicht, man kichert unverdrossen mit. Wie heißt es noch so schön zu Magnolita Rosaria? „Ihre Seele (war) ein Schlammloch, in dem selbst der Teufel ersoffen wäre.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

FAZ, 2005