Roth, Henry

Roth, Henry | Die Entfesselung

Leben und Werk des amerikanischen Schriftstellers Henry Roth gehören zu den Kuriosa des eben verflossenen Jahrhunderts. 1906 als Sohn jüdischer Eltern in Galizien geboren, kam Roth als Kleinkind nach New York. Die jüdischen Slums der Lower East Side wurden seine Heimat, jenes amerikanische Schtetl, in dem kauzige Typen das Straßenbild beherrschten, und in dem Jiddisch als erste Sprache gesprochen wurde. In dieser versunkenen Welt spielt Henry Roths’ erster Roman „Nenn es Schlaf“ von 1934. Der damals 28jährige Roth schildert drei Jahre aus dem Leben des Einwandererkindes David Schearl. Der stark autobiographische Roman wurde von den Zeitgenossen wenig beachtet. Doch eine zweite Auflage in den sechziger Jahren brachte Roth über Nacht zu Ruhm und Wohlstand. Heute gilt „Nenn es Schlaf“ als das Genrestück des jüdisch-amerikanischen Romans schlechthin.

Trotz seines beachtlichen Debüts schwieg Henry Roth. Erst ein Jahr, dann zwei, dann für immer. Roth arbeitete als Lehrer, Geflügelzüchter und Krankenpfleger, um sich seine Frau und Kind durchzuschlagen. Es müsse sich wohl um die längste Blockade eines Schriftstellers gehandelt haben, diagnostizierten die Amerikaner, als Roth sich 1994 dann doch wieder zu Wort meldete. Damals legte er den ersten Band eines dreiteiligen Romans vor, zu dem er über 3000 Manuskriptseiten verfasst hatte, mit zum Teil sturzbachartigen Wortkaskaden. Roth arbeitete an der Romanfolge bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1995, mittlerweile hatte der fast Neunzigjährige gelernt, mit einem Computer umzugehen, musste aber Schmerzmittel einnehmen, um die Berührung der Tastatur ertragen zu können.

Jenseits dieser Offenbarung im letzten Lebensakt schwieg Henry Roth sich aus, er gab keine Interviews und zog sich, trotzig und grantig von der Öffentlichkeit zurück. Im letzten Band seiner Trilogie, der unter dem deutschen Titel „Die Entfesselung“ erschienen ist, erinnert Henry Roth den schnüffelnden Leser daran, dass der Autor sich zwar erleichtern, aber nichts preisgeben wollte: „Dieser Roman ist keine Autobiographie und sollte auch nicht als solche gelesen werden“ heißt es noch vor der Danksagung. Tatsächlich dringen in seinem Alterswerk drei Formen ineinander, der Roman, die Autobiographie und das Geständnis, letzteres in Form einer Entschuldigung an seine verstorbene Frau, die Komponistin Muriel Parker. Im Alter machte Roth sich Vorwürfe, er glaubte, dass Muriel Parker ihre Karriere vernachlässigt hatte. Darüber hinaus gibt Henry Roth manches preis, was in seiner Privatsphäre besser aufgehoben war. Vor allem in „Die Entfesselung“ mischen sich Privates und Nebensächliches mit dem Erhabenen und Grotesken auf solche Weise, dass man überlegt, ob der Irrwitz Methode hatte, ob man vielleicht den letzten Mohikaner der Moderne in den Händen hält.

Henry Roth erzählt seine Geschichte auf zwei Ebenen. Auf der ersten, romanhaften agiert der junge Ira Stigman, er ist der Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie, die in der Lower East Side von New York Quartier bezogen hat. Seine Schulzeit hat der mäßig begabte Ira mehr schlecht als recht hinter sich gebracht. Zum Auftakt des dritten Bands schreibt man das Jahr 1925, Ira ist wie Henry Roth 19 Jahre alt. Ira hat sich zum Biologiestudium an der Universität von New York eingeschrieben. Nach einer anfänglichen Euphorie widmet er sich seinen Studien nur halbherzig, denn seine Englischlehrerin Edith hält Iras Aufmerksamkeit gefangen. Edith hat eine Affäre mit Iras bestem Freund Larry begonnen, der als Gegenpol zu Ira sehen ist. Larry ist sprunghaft, charmant und vielseitig begabt, ein schon assimilierter Jude, der kein Jiddisch mehr versteht, der sich aber glänzend auf dem Parkett der New Yorker Bohème der Zwanziger Jahre bewegt. Ira gibt sich vergleichsweise unbeholfen und unkultiviert, er leidet an einem ethnischen Minderwertigkeitskomplex, an seinem Sexualtrieb, an der inzestuösen Beziehung zu seiner Schwester Minnie, an „Widerlichkeit, an Verkommenheit, an Perversität und Schmutz“. In diesem Zusammenhang erklärt sich der Name der Hauptfigur: Ira ist natürlich der Zorn, und Stigman steht für das Stigma.

Die Affäre zwischen Edith und dem zehn Jahr jüngeren „Freshman“ Larry ist nach den Maßstäben der Zeit ein Skandal. Obwohl sie sich in aller Heimlichkeit vollzieht, ist sie für Ira der Inbegriff der hohen Liebe, dadurch wird seine vermeintliche Verworfenheit noch akzentuiert. Aus dem Netz von Schuld und Selbsthass weist ihm James Joyces den Weg. Die Lektüre des „Ulysses“, der damals noch auf dem Index stand, wird zu einem Schlüsselerlebnis: „Und Sprache war es also, ja Sprache, welche die Minderwertigkeit seines Lebenswandels magisch in kostbare Literatur verwandeln konnte.“ Die literarische „Entfesselung“ ist damit vorbereitet. Die erotische wird folgen, am Ende des Romans wird angedeutet, dass Ira Larrys Platz bei Edith einnehmen wird. Henry Roth ging eine fast zehnjährige Beziehung zu seiner Englischprofessorin Edda Lou Walton ein, die ihn bei der Veröffentlichung von „Nenn es Schlaf“ unterstützte, einem Roman, der seinen Erfolg der Synthese von farbiger Milieuschilderung mit Joyce’schen Techniken verdankt.

Daedalus hat also fliegen gelernt, doch will beim Leser keine rechte Freude aufkommen. Auf der zweiten Erzählebene sitzt nämlich der gealterte Autobiograph am Computer, der über achtzigjährige, rheumatische, immer noch zornige Ira Stigman. Im Dialog mit seinem Monitor, den er ganz biblisch „Ecclesias“ nennt, richtet er über das Vergangene, und er kommentiert den Prozess der Niederschrift: „Oh Mist. Ich bin gerade in allerbester Erzählform. Hab doch Erbarmen, Ecclesias“. Nicht alle Kommentare sind so banal wie die zur Speicherkapazität der Festplatte. Doch auch die Not der Autobiographen ist von geringem Neuigkeitswert: „Warum – Ira drehte sich zur Seite, um die Frage im Herzen zu bewegen – warum machte er sich unaufhörlich selbst so schlecht? Warum erniedrigte er sich so – den Juden, den seriösen Schriftsteller, den seriösen Literaturfreund, den Künstler? Warum bereinigte er die Geschichte nicht, befriedigte seine Kritiker, entfernte die amourösen Spielchen mit Minnie und Stella – ganz einfach, indem er Steuerung-Z auf der Tastatur seines Computers drückte?“

Hätte Henry Roth sich selbst diese Frage beantwortet, dann wäre er dem Kern seines Unternehmens näher gerückt. So bleibt das Fazit, dass einer der interessantesten Erzähler des 20. Jahrhunderts keine Disziplin für sein letztes großes Projekt aufbrachte. Oder die nicht weniger betrübliche Erkenntnis, dass Henry Roth alias Ira Stigman noch im biblischen Alter von 90 Jahren keine Gnade mit sich walten ließ. Der Leser trauert mit, doch das kann Henry Roth nicht gewollt haben.

 

Die Welt, 2001