Schaper, Rüdiger

Schaper, Rüdiger | Deutschlands größter toter unbekannter Schauspieler

„Seine Sprache hat Leidenschaft und Grazie. Es kleben Manieren und Marotten genug an dieses Künstlers Sonderbarkeit, aber es sind immerhin die seinen, eigenartig und erstmalig da“, schrieb einst ein sichtlich irritierter Alfred Polgar über den Schauspieler Alexander Moissi. Polgar war der Dritte unter den großen Theaterkritikern der Weimarer Republik, sein Name fällt meist nach Alfred Kerr und Herbert Jhering. Wer aber war Alexander Moissi? Moissi war Schauspieler, ein vielleicht sehr bedeutender, in jedem Fall vergessener Schauspieler. An Moissi erinnert nun ein Buch des Berliner Theaterkritikers Rüdiger Schaper, es heißt im Untertitel: „Eine Schauspielerlegende.“ Zur Legende wird, wer tot ist. Zur Legende gehört auch eine wackelige Quellenlage, denn sonst wird sie zur Biografie. Vielleicht hat der Autor sich für die Legende entschieden, um dem Leser denb Wind aus den Segeln zu nehmen: Wo sind die Fußnoten, Herr Schaper? Seine gut 250 Seiten Moissi zeigen bemerkenswert wenige verbindliche Zitate. Gaben die Archive so wenig her – oder war der Mann vielleicht doch nicht so wichtig?

Rüdiger Schapers Buch ist eines von der zur inspirierten Sorte. Er hat sich in Triest, der Geburtsstadt Moissis, den Wind um die Nase wehen lassen. Er hat mit Bettina Berggruen gesprochen, der Frau des Kunstmäzens und Tochter Moissis. Er hat die vielen Lücken mit seiner eigenen Vorstellungskraft geschlossen, lässt Moissi auf der Bühne Max Reinhardts agieren, begleitet ihn an die Front, ans Sterbebett. Moissis Tod, er starb 1935 im Alter von 55 Jahren, ist der Kern von Schapers Moissi-Entwurf. Schaper lässt ihn einen Künstlertod sterben, der das Leben aufs Haar imitiert. Zu Lebzeiten brillierte Moissi mit Todesrollen, er starb als Hamlet, als Jedermann, als Tolstois „Lebender Leichnam“ Fedja mehr als 1000 Mal: „Mich stört nur, daß er das alle Abende kann“, jammerte schon Alfred Polgar. Als der Tod dann seinen Mimen einberief, argumentiert Schaper, habe er gründlichste Arbeit geleistet und mit Moissi gleich eine ganze Epoche verschlungen: „Der Tod ist ein Betrüger. Er holt sich einen Mann, der im Leben stets den Tod illuminierte. (…) Das Monologisieren hat ein Ende. Die Meistermörder dirigieren ein größeres Stück. Es ist die Epoche der Diktatoren in Europa.“

Schapers Ansatz lässt an Erhabenheit nichts zu wünschen übrig. Moissi erscheint als der Mann, in dem sich die Geschichte materialisiert. Mehr als einmal zitiert Schaper Stefan Zweigs Erzählband „Sternstunden der Menschheit“, und irgendwie kommt Schapers Duktus wie ein verlorener Zweigscher Zwilling daher: „Der Bettler stirbt mit Freuden, wenn der ‚Bühnenmeister’ Tod ihn ruft. Doch das ist nur das christliche Ende einer langen Geschichte. Mit der Axt will dieser Mann die ungerechte Welt zertrümmern (…).“

Schaper schreibt, dass sich die Balken biegen. Und kommt doch an einem Stolperstein nicht vorbei: Dass Ruhm, einmal verflossen, sich nicht beweisen lässt, wenn sich der Nachruhm verweigert. Wir wissen nicht, ob Moissi so groß war, wie Schaper behauptet. Wir wissen, dass er von zuhause aus italienisch und albanisch sprach, dass er unter Max Reinhardt Berlin als „Südländer“ (Polgar) eroberte. Dass die Kritik ihn erst schmähte, dann liebte. Dass er den Jedermann auf’s feinste gab und früh verstarb. Es gibt zwei Filmschnipsel, auf denen wenig erhellendes zu sehen ist, wie Schaper selbst zugibt. Vielleicht war Moissi eine Genie, vielleicht eine Rampensau, vielleicht mal das eine, mal das andere – Alfred Polgars Moissi-Portrait legt diesen Schluss nahe. Der Rest ist, wie Schaper selbst sagt, Legende. Schaper erfindet Moissi.

 

Financial Times Deutschland, 2001