Schmitter, Elke

Schmitter, Elke | Leichte Verfehlung

Drei Frauen um die Vierzig. Selma Craiss, ist eine scharfsinnige Literaturkritikerin, die für den Rundfunk arbeitet. Ihre Freundin Bettina, einst begabte Goethe-Doktorandin, kümmert sich heute um Sophie, fünf Jahre. Angelika, einer Dozentin für englische Literatur, hat man gerade einen Lehrauftrag im australischen Perth angeboten. Ort der Handlung ist Berlin-West, zehn Jahre nach dem Mauerfall. Die Einwohner hecheln dem Tempo der Stadt hinterher. Trotzig hat sich die Westintelligenz in ihren alten Refugien verbarrikadiert, man trifft sich in den Cafés am Savignyplatz und natürlich in Kreuzberg. Die Protagonistinnen von Elke Schmitters neuem Roman „Leichte Verfehlungen“ haben jenen Lebensabschnitt erreicht, in dem die bange Frage auftaucht, ob das schon alles gewesen sei. Sie haben ihre Familie gegründet oder sich dagegen entschieden, berufliche Erfolge sind zur Gewohnheit geworden, die Übergänge zwischen Routine und Langeweile verblassen. In der Literatur gelten erotische Eskapaden als die liebste Zerstreuung des saturierten Bürgertums. Bei Schmitter hat man es zu tun mit der modernen, in sich nicht weniger geschlossenen Klasse der akademischen Freiberufler. Wenn man hier fremdgeht, dann spielen ethische oder gesellschaftliche Erwägungen eine untergeordnete Rolle; es zählt allein die Übereinstimmung des Handelns mit dem Denken. Dazu zirpt im Hintergrund die ewige Zikade des Selbstzweifels, ist dies wirklich das, was ich will? „Das Bewusstsein, zum Schutz des Lebens entstanden, setzt ihm später zu“, diesen Satz von Paul Valery schickt Schmitter ihrem Roman voraus. Will sagen, der Weg von der Aufrichtigkeit zur Neurose ist kurz, und Schmitters Frauen können ganz schön komisch sein.

Der Roman ist in Episoden verfasst. Die meisten sind Selma Craiss gewidmet, einer Frau, die auf „Abendunterhaltungen konturiert und energiegeladen“ wirkt, die „ein vollkommenes Mitglied ihrer Gesellschaftsklasse“ ist. Als Konrad Waal ihren Weg kreuzt, ein attraktiver, verschlossener Theaterregisseur über Fünfzig, sieht Selma sich am Beginn einer Affäre. Sie hat noch Schmetterlinge im Bauch, als sie sich schon hinterfragt: „Da war es wieder gewesen, dieses Gefühl der Willkür, die Lust auch an der Willkür und daran, alles umzuschmeißen, ( …) einfach so.“ Es gebe ein Primat des „Lebendigseins“, dem alles geopfert werden müsse, überlegt sie an anderer Stelle. Bevor Selma noch alle Motivationen nihilistischen oder hedonistischen Ursprungs gesichert hat, durchkreuzt der Theaterregisseur ihre Absichten. Er gesteht ihr, er habe eine Affäre mit einer jungen Schauspielerin begonnen, die ihn wiederum hintergangen habe. Schnitzler, der an anderer Stelle seinen Auftritt hat, lässt grüßen.

Selma sieht besonders klar, wenn es um die Verstrickungen ihrer Freundinnen geht. In ihren abendlichen Telefonaten mit ihrem Mann Wolfgang, der sich für ein halbes Jahr in New York aufhält, mangelt es nicht an guten Ratschlägen. Bettina soll Frieden schließen mit ihrem Johannes, der sie systematisch betrügt, aber nie verlassen würde. Und Angelika doch um Himmels Willen die Stelle in Perth antreten!

Mit anarchischer Entschlossenheit hat Angelika in einer einzigen Nacht ihr bisheriges Leben über Bord geworfen. Sie hat sich von Alexander Mock, einem Unternehmer mit badischem Adelsbrief, nach Hause begleiten und schwängern lassen. Ihr Vorleben als stadtbekannte Partylesbe ist ad acta gelegt, sie freut sich auf ein Reihenendhaus in Potsdam. Angelikas „Antrittsbesuch“ bei Alexanders blaublütigen Verwandten im Schwarzwald liefert genug Stoff für eine bürgerliche Komödie: „Sie trug die Infantin unter dem Herzen (oder auch den Infanten), und sie erwartete Huldigung“. Stattdessen halten Angelikas Tischmanieren den strengen Blicken der Mocks nicht stand, und den Thronfolger muss sie in der Nierenschale eines öffentlichen Krankenhauses zurücklassen.

Illusion und Desillusionierung waren schon das Thema von Schmitters Debütroman „Frau Satori“, in dem eine Frau aus der Provinz Rache nimmt für ein gebrochenes Eheversprechen. Im Gegensatz zu Frau Satori reflektieren Selma, Angelika und Bettina auf Teufel komm raus. Geisteswissenschaftliche Denkstrategien fördern echte Empfindungen, aber auch allerhand Müll zutage. Dabei wahrt Schmitter einen süffisanten und ironischen Erzählton, der nie abwertend wird. Sie mag ihre Figuren, die ein wenig an Jane Austens Frauen erinnern. Sie alle schätzen die verbale Parade, das gelungene Wortgefecht. Manchmal kippt das Vorhaben ins intellektuelle Showbiz. So kein Mensch, noch nicht mal auf den Empfängen der Hauptstadt.

Bei Austen triumphiert am Ende bekanntlich die Vernunft. Schmitter entlässt ihre Leser mit einem irgendwie beruhigenden Blick auf Johannes’ beginnende Glatze. Gleich geht die Familie zur Pommesbude, dann zurück in die Kreuzberger Altbauwohnung. Vielleicht folgt die Tagesschau und sicher der nächste Ehekrach. Mit ihrem intelligenten und unterhaltsamen zweiten Buch beweist Schmitter, der Sittenroman hat noch nicht ausgespielt.

 

 

Tagesspiegel, 2002