Schrott, Raou

Schrott, Raoul | Tristan da Cubha

Selbst wenn man nichts von der Insel weiß: Allein ihr Name, Tristan da Cunha, klingt nach Fernweh und klopfenden Herzen. „TRISTAN DA CUNHA oder DIE HÄLFTE DER ERDE“ nennt Raoul Schrott seinen neuen, 700 Seiten starken Roman. Eine Karte liegt bei: Kreisrund und vulkanisch ist das Eiland, 40 Quadratmeilen klein, 37 Grad südlicher Breite, 12 Grad westlich gelegen, auf halbem Weg zwischen Buenos Aires und Kapstadt. Rund 200 Einwohner hat die Insel heute. Ein portugiesischer Seefahrer gab ihr 1506 seinen Namen, danach kamen Österreicher, Franzosen, Amerikaner, bis 1938 der Union Jack stecken blieb. St. Helena ist in der Nähe und auch die Falklands, es gab jede Menge Schiffbrüchige und mindestens eine Vulkaneruption, das war 1961. Mit anderen Worten: Tristan da Cunha ist ein gottverlassener Ort, der sich bestens eignet für die Frage, ob es Gott überhaupt gibt.

Raoul Schrotts neuer Roman ist nur ein Roman der Liebe und der Seefahrt, sondern er führt auf verzwackte Weise auch einen Gottesbeweis durch. Einige Zeilen des englischen Metaphysikers John Donne (1571-1631) stellt der Autor als Motto voran: All mankinde is of one Author and is one volume/When one Man dies, one Chapter is not torn out of the book/But translated into a better language.

Wie die Metaphysical Poets hegt auch Raoul Schrott eine Vorliebe für den Eros und die Wissenschaft, für Navigation, Astronomie und Kartographie. In seinem Roman verschränkt und übersetzt er vier Schicksale ineinander. Zwei seiner Protagonisten sind Wissenschaftler. Da ist Noomi Morholt, eine Polarforscherin, die von Januar bis Juni 2003 die Antarktis bereist. Sie führt drei Journale, berichtet von dem Polarlicht und der ewigen Nacht. Sie heftet auch ihre E-Mail Korrespondenz mit dem brasilianischen Schriftsteller Rui ein, der sie aus der Ferne anbetet: „Wieviel habe ich Dir geschrieben, um schließlich nur dieses eine zu sagen, jeder Satz, um mit Dir auf meine Insel zurückzukehren (…).“

An Bord hat Noomi eine Kiste mit Büchern und Dokumenten gefunden, die für das Museum auf Tristan da Cunha bestimmt ist. Sie liest die Aufzeichnungen des britischen Funkers Christian Reval, der im Zweiten Weltkrieg als Funker auf Tristan stationiert war. Reval hat seine Tagebücher, es sind vier, rückwärts datiert, sie reichen vom tragischen Ende seines Lebens 1969 bis 1942. Reval berichtet von seiner unerfüllten Liebe zur schwarzhaarigen Marah, die einen biblischen Namen trägt. Marah, die „Bittere“ aus dem Buch Ruth, will nicht mehr Noomi, die „Liebliche“ genannt werden, weil Gott ihr so viel Leid zugefügt hat.

In der Bücherkiste liegen auch die Bögen des kauzigen Philatelisten Mark Thomsen. In langatmigen Kommentaren zu den Raritäten, Fälschungen und Ersttagsausgaben seiner Sammlung schreibt er 500 Jahre Inselgeschichte nieder. Dabei treiben Thomsen und mit ihm der Autor einen ziemlichen Aufwand, die Geschichte hätte auch ohne die unzähligen veristischen Details funktioniert. Das Schwadronieren des Briefmarkensammlers kippt immer öfter ins Jammern. Seine Marah (rothaarig) ist nämlich mit einem holländischen Sammler durchgebrannt, was man ihr nicht so richtig verübeln will.

Schließlich sind da noch die Briefe des anglikanischen Priesters Edwin Heron Dodgson. Der schreibt seinem Bruder Charles, alias Lewis Carrol, dem Autor von Alice im Wunderland. Dodgson war Ende des 19. Jahrhunderts zwei Mal auf Tristan da Cunha stationiert, seine Brief datieren von 1881 bis 1886. Sie werden von Reval in der Pfarrei aufgestöbert und gelesen. Auch Dodgson hat sich in eine Einheimische verliebt, in eine Marah natürlich, die eine Martha zur Welt bringt, welche mit Reval weitläufig verwandt ist. Wegen seines Fehltritts fühlt der Geistliche sich schuldig. Er rechnet ab mit seinem Glauben: „Deus homini homo est: der Mensch ist Gott“ lautet sein letztes Bekenntnis.

Mit seinem neuen Roman beweist Raoul Schrott einmal mehr, dass man für die Liebe die erlesensten Worte finden lassen, wenn sie nur weit genug weg ist. Durch die aufwändige Konstruktion und Einsamkeit des gewählten Schauplatzes wird aus dieser Liebe etwas Universelles, was alle Charaktere verbindet. Sie wird zum Prgatorium. Wenn Reval und Dodgson zum Vulkan hochklettern, denkt man an Dantes göttliche Komödie. Auch Shakespeares Sturm und natürlich das Epos von Tristan und Isolde haben ihre Spuren in diesem gelehrten Roman hinterlassen. „Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde“ gleicht einer kühnen Navigation durch das geistige Erbe des Okzidents. Nach einigen Flauten, die sich bei 700 Seiten Seefahrt kaum vermeiden lassen, läuft Raoul Schrott mit gehisster Flagge auf Tristan da Cunha ein.

Wie heißt es noch gleich in John Donnes Meditation? „No Man is an Island“. Wird schon stimmen.

 

Mare, 2003