Schwarzenbach, Annemarie

Schwarzenbach, Annemarie | Maillart

Am 6. Juni 1939 brechen zwei Frauen mit einem Ford Cabriolet zu einer Reise auf, die sie in gut drei Monaten von Genf nach Afghanistan führt. Das Auto, ein Luxusmodell, gehört der Journalistin, Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach (1908 – 1942). Sie begleitet ihre Freundin, Ella Maillart (1903 – 1997), die ihre Jahre als Olympiaseglerin und Stuntwoman schon hinter sich hat, die zu jener Zeit versucht, als Ethnologin Fuß zu fassen, und die ihr Leben hochbetagt als Reiseschriftstellerin beschließen wird. Ella Maillart hebt sich von anderen Fernreisenden durch ihre Unerschrockenheit und ihren Pragmatismus ab. 1937 soll sie für einen Treck von Peking nach Kaschmir ein Marmeladenglas, eine Leica, eine Flasche Worcester-Sauce und ein Gewehr gepackt haben; ihrem jugendlichen Bewunderer Nicolas Bouvier beschied sie 1952:: „Versuchen Sie’s doch mit dieser Route, und wenn sie Ihnen nicht passt, dann kehren Sie eben um!“.

Bouvier (1929 – 1998) ist nicht umgekehrt. Auf den Spuren der Maillart verließ er im Juli 1953 Genf in einem Fiat Topolino, mit dabei war sein Jugendfreund, der Zeichner Thierry Vernet (1927 -1993). Auch die beiden Männer wollten nach Afghanistan, sie erreichten Kabul aber erst im Spätsommer des folgenden Jahres. Die Langsamkeit dieser zweiten Reise ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass ihr Fiat viel langsamer war als der Ford der Frauen. Bouvier und Vernets Reise hatte auch einen anderen Zweck, sie war eine Initiationsreise in das Fach des Bohemien, Flaneurs und Schriftstellers. Bouvier sah den Sinn der Reise darin, den Sinn des Reisens zu ergründen: „Eine Reise braucht keine Beweggründe. Sie beweist sehr rasch, dass sie sich selbst genug ist. Man glaubt, dass man eine Reise machen wird, doch bald stellt es sich heraus, dass die Reise einen macht – oder kaputtmacht.“ In den Büchern, die Bouvier später schrieb („Der Skorpionsfisch“, „Die Erfahrung der Welt“, Lenos-Verlag, Basel), ist darum auch von den schwarzen Löchern des Reisens die Rede, den Pannen, den Beschwerlichkeiten, den Krankheiten.

Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach waren als Journalistinnen unterwegs. Sie hatten ein Ziel, Kabul, und einen Auftrag, möglichst viele Fotos zu machen und Artikel zu schreiben, die sie nach ihrer Rückkehr der Schweizer und der französischen Tagespresse verkaufen würden. Neben diesem professionellen gab es ein privates Anliegen. Annemarie Schwarzenbach, eine streitbare und exzentrische Persönlichkeit, war seit 1932 morphiumsüchtig. Die Fahrt nach Kabul sollte ihre Abkehr von den Drogen markieren, ein Unterfangen, das vor allem Ella Maillart mit großen menschlichen Erwartungen verband. Den ersten Rückfall hatte Schwarzenbach schon in Sofia, die damit verbundene Enttäuschung stellte die Freundschaft der beiden Frauen auf eine harte Probe: „Das Reisen hatte nicht mehr denselben Zauber für mich wie früher … Die Besessenheit, die für meine Gefährtin eine solche Qual bedeutete, war derart erbarmungslos, dass sie auf jeden meiner Gedanken abfärbte.“ („Der bittere Weg“, Lenos Verlag, 2000. Die etwas umständliche Übersetzung aus dem Englischen stammt von Carl Bach). In Kabul trennten sich die Wege der beiden Frauen in Kabul: „Sie hat das Leben verdient. Ich befreie sie von mir“, notierte Annemarie Schwarzenbach. Es entspricht der inneren Logik der gedoppelten Reise, dass es Bouvier und Vernet ähnlich ergehen würde, auch zwischen kam es unterwegs zu Differenzen, auch sie trennten sich in Kabul.

Maillart, Schwarzenbach und Bouvier: Die drei Schweizer gelangten später zu großer Anerkennung als Reiseschriftsteller und Fotografen. Was noch ausstand, war eine Engführung der beiden Reisen nach Afghanistan. Dies unternimmt nun ein zweisprachiger Bildband mit Textauszügen von Maillart, Schwarzenbach und Bouvier, dessen Titel „Bleu immortel“ auf einen Ausruf von Annemarie Schwarzenbach zurückgeht: „Das unsterbliche Blau der Moschee Gowhar Sad!“

Die Fotos machen sehr schnell auf das unterschiedliche Anliegen der Reise aufmerksam. Nicolas Bouvier rückt sich gerne selbst ins Bild: Feiernd und musizierend unter Zigeunern, mit einer Zigarette im Mund auf eine Schreibmaschine einhackend, oder lesend auf einem Balkon in Teheran. Die Aufnahmen, die er selbst gemacht hat, sind gefälliger als die Fotos der Frauen. Herbstliches Morgenlicht quillt in eine Dorfstraße mit gestampftem Lehmboden und lässt die Turbane der Passanten aufleuchten. Schemenhaft zeichnen sich zwei Hähne hinter einer Fensterscheibe ab, die der Frost beschlagen ließ. Oder auch dies: Ein Basar in Täbris, mit Papierblumen, Petroleumlampen, Vogelkäfigen.

Die Frauen fotografieren, um ihre Reportagen zu bebildern, also Baukunst und Handwerk, die schon damals in ihrer Existenz bedrohten Nomadenstämme. In ihren Aufnahmen sind die Gesichter der afghanischen Männer verschlossener, als wenn ein Mann hinter der Kamera stand. Dafür gelingen ihnen Schnappschüsse vom Alltag muslimischer Frauen, die Seltenheitswert haben dürften, wie das scheue Lächeln, das über das Gesicht eines unverschleierten Mädchens huscht, welches im „Frauengarten“ des Dorfvorstehers sitzt.

Annemarie Schwarzenbach, die sich später mit Erika und Klaus Mann befreunden würde, ist von den vier Reisenden diejenige, die sich am meisten für Politik interessierte. In Afghanistan kritisiert sie die Folgen der westlichen Modernisierung genau so wie den einheimischen religiösen Wahn. Manchmal widersprechen sich ihre Urteile, und markieren so das Dilemma des westlichen Reisenden. Annemarie Schwarzenbach ist fasziniert von den Werten der archaischen Männergesellschaft („Mutig sein, die Wahrheit sagen, und gut reiten können“), zugleich verurteilt sie das Schicksal der Frauen: „Der Tschador bedeutet nicht nur Unfreiheit, er bedeutet unwürdige Furcht vor dem Leben, Unwissenheit, Enge.“

Seither schwankt die Haltung des Westens zu Afghanistan zwischen Orientbegeisterung und kulturellem Hegemoniedenken. Das Land, das Schwarzenbach, Maillart, Bouvier und Vernet erlebt haben, wurde zerstört. Mit Bedauern sieht man die schönen Fotos der Reisenden auch als Dokumente einer vergangenen Epoche.

 

FAZ, 2003