Schwerdtfeger, Malin

Schwerdtfeger, Malin | Annette Pehnt, Kirsten John

Wer genug hat von den Capuccinos im Prenzlauer Berg oder Vopos in der Sonnenallee, der darf sich in diesem Frühjahr freuen. Unter den belletristischen Neuerscheinungen finden sich überwiegend solche Romane, die die Spielzonen der Wende hinter sich gelassen haben. Ihre Erzähler sind dahin zurückgekehrt, wo sich der bundesdeutsche Alltag üblicherweise abspielt, in die Vorstädte, Reihenhaus-siedlungen, und Wohnzimmer. Vier Autorinnen zeigen, daß man der profanen Kulisse durchaus spannende Begegnungen entlocken kann, und sie überraschen mit ihreer präzisen und souveränen Erzähltechnik.

Malin Schwerdtfeger, Annette Pehnt, Kirsten John Und Ramona Diefenbach inszenieren die Familie als den Ursprung aller Geschichten, sie ist der Garant von Neurosen oder Lebensglück der Protagonisten. Hier kommt eine Autoren-Generation zu Wort, die sich um wenig anderes als um sich selbst zu kümmern hatte, die mit Muße das Geflecht der Beziehungen zwischen Mutter, Vater, Onkel Tante, Nachbarn und Geschwistern studieren durfte. Ihre Suchergebnisse geraten weniger zur Nabelschau als zur stoischen Fügung ins Unvermeidliche: Dort, wo die Familie ihres Amtes waltet, läuft sowieso alles anders als geplant.

Mit akribischer Ironie geht etwa Malin Schwerdtfeger, Jahrgang 1972 zu Werke. Sie hat bei Kiepenheuer und Witsch ein schmales Paperback mit Kurzgeschichten vorgelegt, das „Leichte Mädchen“ heißt, und auf dem zwei rosa Badelatschen abgebildet sind. Wer das Buch trotzdem kauft, wird reichlich entschädigt. In ihren Erzählungen nimmt Schwerdtfeger winzige Verschiebungen in der gängigen Familienstruktur vor, und schon entsteht ein paralleles Universum. Da versorgt die älteste Tochter Mutter und Vater, jener ist bettlägerig und braucht Medikamente, die Bettpfanne und allabendlich seine Einschlafmilch. Die Mutter hetzt im Auftrag von „Trekking Guides“ über die Pole und den Äquator, ist sie zuhause, muss man ihr die Läuse vom Kopf waschen und die Füße desinfizieren. Ebenso erquicklich ist die Geschichte, in der die Tochter den stets betrunkenen letzten Partner der Mutter an der Bushaltestelle aussetzt: „Wir haben ein bisschen aufgeräumt“. Oder die: In einem namenlosen Dorf, das von einer Molkerei lebt, ziehen die „leichten Mädchen“ ein. Sie wohnen im Haus neben der Erzählerin und bringen neue Düfte ins Dorf, Shalimar statt Molke. Nachts fahren die Freier mit schwarzen Limousinen vor, tagsüber versengt sich der Milchfahrer Bernie die Glatze, denn er zieht mit einer Petition gegen die Prostitution von Tür zu Tür. Malin Schwerdtfegers Erzählungen sind skurrile, groteske und auch poetische Miniaturen, die sich wie Skizzen zu einem Roman lesen. Sie machen Appetit auf mehr.

In Annette Pehnts (Jahrgang 1967) erstem Roman „Ich muss los“ geht es um Dorst, der vom Kind zum jungen Mann heranwächst. Dorst ist intelligent und sensibel, die Schule bewältigt er mühelos. Dorst trägt die schwarzen Anzüge seines verstorbenen Vaters, er singt lieber laut in der Tiefgarage statt Geige zu üben, und wenn ihn später seine Freundin Elner zum Bleiben auffordert, sagt Dorst wie unter Zwang: „Ich muss los“. Dorst verweigert sich den Erwartungen der Umwelt, denn seine Wahrnehmung ist die eines Kindes geblieben, nur der Augenblick zählt. Als das Geld knapp wird, improvisiert Dorst seinen Beruf, er führt die Touristen an die privaten Plätze seiner Stadt. Dorst erzählt von den Limonadebrunnen des Mittelalters, vom Pilztunnel unter dem Bahnhof und den Fledermauszüchtern im Turm des Münsters. Als die Lehrerin Elner („ich glaube an die Phantasie“) ihn bittet, den Zauber vor ihrer dritten Klasse zu wiederholen gerät Dorst in Panik, er flieht zum letzten Mal.

Über die Gründe von Dorsts Verhalten wird der Leser nicht aufgeklärt. Pehnt schafft so viel Klarheit wie nötig, sie läßt so viel Ungewissheit wie möglich. Da ist der Kummer über den Tod des Vaters, der starb, als Dorst erst sieben war. Da ist die Mutter, die es nicht ertrug, wenn Dorst als Kind die Wahrheit sagte. All dies wird in der dritten Person berichtet, man blickt Dorst über die Schulter, aber nicht ins Herz. So bleibt er für den Leser unberechenbar, er ist kein Fremder, er ist kein Freund. Man kann in Dorst den Autisten oder den Künstler sehen, je nachdem, ob man sich für die Außen- oder die Innenansicht der Dinge entscheidet. Fern von aller Sentimentalität ist Annette Pehnts Roman ist eine kleine Kür des Erzählens.

Kirsten John, Jahrgang 1966, wendet sich in ihrem Debüt „Schwimmen lernen in Blau“ (Deutsche Verlagsanstalt) einer ähnlichen Thematik zu. Ihre Hauptfigur Katharina hat schon als Kind gerne gemalt, ihre Bilder boten ihr Zuflucht vor den schrägen Familienverhältnissen. Da sind die distanzierten Eltern, die Brüder Paul und Frank. Der eine schläft mit offenen Augen und schießt dem anderen ein Auge aus, der andere will Soldat werden und zieht heimlich die Kleider seiner Mutter an. Frank züchtet Heuschrecken aus Eiern und spült sie anschließend ins Klo. Die erwachsene Katharina assoziiert Sex mit Heuschrecken, und sie beginnt eine Affäre mit Paul, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Katharina Rumann studiert Malerei, es liegt daher nahe, dass sie in Bildern und Farben denkt. Neben den Heuschrecken gibt es die Schildkröte und den Drachen, Weiß und Blau sind die Farben der Depression, Grün, Rot und Gelb stehen für den Aufbruch. Katharina ist eine makellose junge Frau, sie ist schön, talentiert und depressiv. Allerdings wünschte man sich, dass spätestens dort, wo Katharina auch noch in einer Decke aus Schnee versinkt, ein Lektor den überfrachteten Bildern Einhalt geboten hätte.

Zwei Themen ringen in diesem Roman um die Aufmerksamkeit des Lesers. In der Anlage handelt es sich um einen Künstlerroman, in dem sich die Weltsicht des Protagonisten in seiner Kunst niederschlägt. Von Katharina erfährt man, dass sie die Überheblichkeit der Erstsemester, die die Kunst für tot erklären, als abgeschmackt empfindet. Sie sitzt ihrem Lehrer Henning Overland Modell, der sie anschließend nicht nur heiratet, sondern ihre Bilder unter seinem Namen ausstellt. So entsteht eine interessante Konstellation von Macht und Ohnmacht zwischen Mann und Frau, zwischen Lehrer und Schüler. Leider wird sie nicht zuende geführt, das zweite Thema des Entwicklungsromans gewinnt die Oberhand. Malend befreit sich Katharina von ihren familiären Verstrickungen, und sie emanzipiert sich von ihrem Mann. Kirsten John meint es gut mit ihrer Hauptfigur, was dem Roman eher schadet als nützt. Sie hat sich auch die Aufgabe gestellt, ihre Erzähltechnik dem Vorgang der Malerei anzugleichen, hier wird scharf konturiert, dort in kleinen Tupfern assoziiert: „Schwimmen in Blau“ ist ein ambitioniertes Debüt, bei dem etwas weniger sicher mehr gewesen wäre.

Welche Wegstrecken sich mit erzählerischer Ökonomie bewältigen lassen, zeigt Ramona Diefenbach in ihrem Debüt „Das Spiegelhaus“. Spiegelhäuser finden sich in jeder deutschen Siedlung, sie spiegeln den Bauplan des Nachbarhauses. Bei Diefenbach werden das Wort und die Architektur zum Synonym für die psychologischen Verkehrungen eines jungen Mannes. Im Spiegelhaus wohnt Frau Matt, dort spielte der Nachbarjunge Patrick mit Eveline, dort geht auch der erwachsene Patrick ein und aus. Patrick ist Anfang dreißig, ein unauffälliger Mann mit dubiosen Bedürfnissen. Über Wochen beobachtet Patrick drei vierzehnjährige Mädchen im Schwimmbad, sie heißen Beatrice, Angelika und Cora: „Ihre Sandalen waren ausgetreten, ihre Ellbogen glatt. Das alles wirkte sehr gut auf mich. Ich war sicher, dass sie gerade im richtigen Stadium waren.“

Seine pädophilen Absichten setzt Patrick bald in die Tat um, er verführt die Mädchen, er trifft sie in seinem Haus, eine jede an einem anderen Wochentag. Patrick deutet an, dass er dies nicht zum ersten Mal macht, in seiner Rede vermengt sich der Trieb des Täters mit dem Kalkül des Erwachsenen: „Ich mache sie neugierig, ich gefalle ihnen. Kein Wunder, ich habe sehr viel Verständnis für ihr Alter.“

Für die Kinder spricht Beatrice als Chronistin vergangener Ereignisse. Der zeitliche Abstand zwischen ihrem Bericht und Patricks Erzählung, die fein dosierte Informations-vergabe befördern „Das Spiegelhaus“ in den Bereich des Thrillers. Als die Mädchen merken, dass etwas nicht stimmt mit Patrick, beginnt ein Katz- und Mausspiel, das eines Abends im Keller des Spiegelhauses ein grausames Ende findet. Ramona Diefenbach, hat ein überzeugendes Debüt gegeben.

 

Financial Times Deutschland, 2001