Semprun, Jorge

Semprun, Jorge | Jorge Semprun im Gespräch

Jorge Semprun bringt das Zeugnis seines Lebens mit zum Interview. Als Fotokopie, das Original ist im Konzentrationslager Buchenwald geblieben:

44904

 

Semprun, George Polit.

10.12. 23 Madrid Span.

Stukateur (sic).

29. Jan. 1944.

 

Jorge Semprun ist nie Stukkateur. gewesen. An der Sorbonne in Paris hat der junge Intellektuelle Philo-sophie studiert, die Texte von Marx und Hegel im deutschsprachigen Original gelesen. 1941 tritt der Sohn eines spanischen Linkskatholiken – die Diplomatenfamilie war vor dem spanischen Bürgerkrieg nach Paris geflüchtet – der französischen Résis-tance bei, 1942 der spanischen KP. Als Jorge Semprun im Januar 1944 in Buchenwald registriert wird, Häftling Nummer 44904, da kennt den bewaffneten Kampf. Er weiß, was es bedeutet, in den Verliesen der Gestapo gefoltert zu werden. Er hat die Deportation nach Buchen-wald überstanden, fünf Tage und vier Nächte eingepfercht in einem Viehwagen. Er ist 20 Jahre alt, und er ist unbesiegbar.

 

Im März 1992 ist Semprun nach Buchenwald zurückgekehrt. Auf dem leeren Appellplatz hat er die Wahrheit erfahren. Jener Unbe-kannte, der Semprun am 29, Januar 1944 in der Häftlingskartei verzeich-nete, hat ihm das Leben gerettet. Der Mann solle „Student“ eintragen, hatte Semprun genötigt. Das sei zwar kein Beruf – „aber eine Beru-fung“! Der andere ließ sich von der Arroganz des Neuankömmlings nicht beeirren. Ein Student hätte zum Arbeitseinsatz in der Waffen-fabrik „Dora“ gemußt. „Dora zu vermeiden bedeutete den Tod zu vermeiden“ weiß Semprun heute.

 

Diser Satz findet sich in seinem jüngsten Buch „L‘ Ecriture ou la Vie“. Schreiben oder Leben: Acht Jahre lang hat Jahre lang er an diesem stark autobiographischen Buch gearbeitet. Manchmal mit Qualen: „Jede Ablenkung war will-kommen, auch meine Zeit als Kul-turminister.“ Semprun beschreibt in die Rückkehr aus dem Lager, sein jahrzehntelanges Verdrängen und Schweigen, dem Überleben zuliebe. Hier endet eine Erinnerungsarbeit, die Semprun 1963 mit seinem ersten, preisgekrönten Bericht „Die große Reise“ begonnen hat. „‚Die große Reise‘ war die Hinfahrt, ‚L’Ecriture ou la Vie‘ ist die Rückkehr aus Buchenwald“. Semprun lächelt. Sein nächstes Buch soll ein Roman werden. „Jetzt kann ich in der dritten Person schreiben.“

 

Jorge Semprun ist angekommen. Der heute 71jährige hält sich immer noch kerzengerade. Mit leiser, sono-rer Stimme spricht er konzentriert, ein makelloses, druckreifes Franzö-sisch. In seinen Sätzen hört man den Autor Semprun: In einer kurzen Zirkelbewegung streift er ein mög-liches Gegenargument, eine andere Seite, um dann katzensicher bei der eigenen Position zu landen. Dabei halten zwei dunkle, prüfende Augen das Gegenüber in Schach. Ab und zu lockert ein Lächeln Sempruns scharfe Gesichtszüge. Dahinter erscheint eine Güte, deren Ursprung nicht zu ergründen ist. Jedenfalls nicht einem Gespräch von einer Stunde.

 

Auf seine Jahre im Untergrund blickt er Semprun – fast – ohne Reue zurück. „Natürlich, wenn ich Universitätsprofessor hätte sein wollen oder Kunsthändler, dann hätte ich mein Leben verschwendet. Aber ich wollte das alles nicht. Ich wollte militant sein.“ Im Kampf gegen die Nazis und später, in den 50er und 60er Jahren, gegen die Diktatur Francos, lebt Semprun mit vielen Identitäten. Er war Frederico Sánchez, Augustín Larrea, Rafael Artigas, Carlos Bustamonte, Camille Salignac, Georges Sorel. Manchmal wußte nur er selbst, wer er war. „Für lange Zeit war die Erinnerung meine einzige Identität.“ Hier liegt ein Schlüssel für Sempruns foto-gafisches Gedächtnis an Orte, Begegnungen und Personen, die Präzision seiner Lebensschil-derungen. „Um über Buchenwald zu schreiben brauche ich keine Dokumente, keine Archive.“

 

Es waren große Ideale, die Semprun bewegt haben. Die Frei-heit eher als das Vaterland. Das Glück der anderen eher als das eigene: „Das persönliche Glück hat mich nie interessiert.“ Die Selbst-bestimmung in ihrer existenzi-alistischen Variante, das Risiko des Irrtums, auch des Todes einge-schlossen. Für den Anhänger von Karl Jaspers liegt hier die eigent-liche Tragödie des jüdischen Volkes: „Ich war im Lager, weil ich mich dazu entschieden hatte. Ich war kein Jude. Die Juden waren unglücklich, sie hatten keine Wahl.“

 

1964 bricht er mit der Kommu-nistischen Partei. Während eines Treffens der KP in Böhmen wird er von Dolorès Ibarruri, der legendären „Pasionaria“, wegen eurokommu-nistischer Tendenzen ausge-schlossen. Der Kommunist wird zum Kritiker des Gulag. Sein Roman „Was für ein schöner Sonntag“ (1981) legt davon Zeugnis ab. 1988 beginnt ein kurzer Exkurs in die aktive Politik. Felipe Gonzalez beruft den alten Kameraden zum Kulturminister. Im Kabinett gilt Semprun als herrisch und impulsiv, er macht sich mit unbequemen Positionen zur Israel-Politik zur Nato und zum Golfkrieg viele Gegner. 1991 zieht er sich an den Tisch des Schriftstellers zurück.

 

Wenn Semprun über sein Leben schreibt, dann kommt er ohne das Wort „Haß“ aus. Auch ohne das dahinterstehende Gefühl: „Ich habe Verachtung gefühlt und Wut, manchmal die Notwendigkeit, eine Gewalt- oder gar Mordtat zu begehen. Aber ich habe nie gehaßt. Niemals.“ In seinen Büchern ist der Feind ein Individuum: Schreiende und prügelnde SS-Männer; die Lagerkommandantin Ilse Koch, die aus der tätowierten Haut ihrer Liebhaber Lampenschirme fertigt. Daneben beschäftigt sich Semprun mit dem „radikalen Bösen“ als philosophischem Problem. „Das Böse ist einer der möglichen Entwürfe der Freiheit, die zum Menschen gehört“, schreibt er in „L’Ecriture ou la Vie.“ Es wird immer Wärter und Gefangene geben; Menschen, die den letzten Krumen Brot teilen und solche, die ihre Vorräte unter der Matratze horten.

 

Sempruns Verständnis von Freiheit verträgt sich nicht mit dem Begriff der Kollektivschuld: „Schuld ist immer etwas Persönliches. Man kann sie nicht über ein ganzes Volk ausdehnen.“ Doch er ist nicht bereit, die Deutschen aus der Verant-wortung zu entlassen. „Kollektive Verantwortung“ ist für ihn das Nachdenken darüber, was vor Hitlers Machtergreifung passiert ist. „AVANT“, sagt Semprun immer wieder, und man hört, daß er in Großbuchstaben spricht. „Warum haben die Deutschen Hitler gewählt, diesen kleinen populistischen Agi-tator, diesen antisemitischen Dema-gogen, der seine Meinung nie versteckt hat, der immer gesagt hat, daß er die Juden auslöschen würde?“

 

Semprun, ist hartnäckig, wenn es um Deutschland geht. Die Sprache seiner Kindheit – in Madrid wurde er von zwei deutschen Gouvernanten erzogen – ist für ihn unbefleckt geblieben. In Buchenwald hat er Hegel gelesen. Trotz dem Gebrüll der SS, „dieser automatenhaften, brutalen, wenig literarischen Sprache.“ Wenn er heute unerwartet das Deutsche hört, dann zuckt Semprun nicht zusammen: „Diese Sprache hat für mich nichts zu tun mit dieser Diktatur, dem Horror, der Unterdrückung.“

 

Sempruns Stimme ist aus Deutschland nicht wegzudenken. 1994 bekam er den Friedens-preisträger des Deutschen Buch-handels. „Mein wichtigster Preis“, sagt Semprun. „Ich habe über Deutschland ohne Gefälligkeit geschrieben. Ich hoffe mit Klarheit, in jedem Fall mit Zärtlichkeit.“ Einen Großteil der deutschen „Trauer-arbeit“ hält er für absolviert, und er glaubt, daß Deutschland weitgehend resistent ist gegen neonazistische Tendenzen, Semprun hat die deutsche Vereinigung vorhergesagt. Er befürwortet sie, weil er ein Anhänger Europas ist. Hier nimmmt er die Deutschen besonders in die Pflicht: „Deutschland ist das einzige Land, das die Erfahrung zweier totalitärer Regimes gemacht hat. Diese Erfahrung muß es weitergeben.“ Auch dafür ist ihm Buchenwald, das zweifache Lager des Nationalsozialismus und des Stalinismus, ein Symbol.

 

Wer Semprun liest, der weiß, daß ihn jedes Jahr im April ein Schmerz überwältigt. Kein Phantomschmerz, sondern seine scharfe Erinnerung an all die, die nicht zurückgekehrt sind. An seinen Philosophielehrer Maurice Halbwachs und an seinen Gefährte Diego Morales. An den Auschwitzhäftling Primo Levi, der sich am 11. April 1987, an einem Jaherstag der Befreiung Buchen-walds, das Leben nahm. Semprun denkt auch an jenen deutschen Kommunisten, der 1944 nicht genau wußte, wie man „Stukkateur“ schreibt. Wird dieser Schmerz der Erinnerung irgendwann aufhören? „Das ist gar nicht so sicher“, antwortet Semprun auf deutsch. „Ich glaube, er wird mit meinem Leben enden.“

 

Die Welt, 1995