Sulzer, Alain Claude

Sulzer, Alain Claude | Urmein

 

Wer sich fragte, ob die Berge noch einen Platz finden in der Schweizer Gegenwartsliteratur, kann dies nach der Lektüre von Alain Claude Sulzers Roman „Urmein“ beherzt bejahen. Das Dorf mit dem Namen Urmein ist ein fiktiver Ort im Schweizer Kanton Graubünden. Den gleichen Namen trägt ein Schloss, das zu Füßen des Berges Piz Beverin liegt. Höher kommt man selbst in der Schweiz kaum, doch damit hat die geografische Verifizierbarkeit der Romanhandlung auch schon ein Ende. Die Alpen erscheinen in diesem Roman nicht als realer Ort, sondern als eine gigantische Kulisse, die allein bestellt wurde, um die Weltferne des Ortes Urmein und der dort stattfindenden Ereignisse zu unterstreichen.

Die Geschichte spielt zwischen 1911 und 1918. 1911 kauft der alte italienische Graf Emilio Guido Conte Galli das alte Schloss Urmein. In zwei Jahren baut er es um zu einer Residenz, deren Architektur so gewagt ist, dass er sich selbst mit dem Bayernkönig Ludwig II vergleicht. Graf Galli scheut keine Extravaganzen, um aus Urmein jenen Ort zu machen, an dem er mit einer Handvoll gleichaltriger Freunde seinen Lebensabend verbringen wird. Eine vergleichbare thematische Verschränkung von Fülle und Zerfall, von Verschwendung und Todessehnsucht war Alain Claude Sulzer schon in seiner Erzählsammlung „Das Künstlerzimmer“ ein Anliegen. In seinem neuen Roman fügt er die morbide Grundierung eines Fin de Siècle hinzu. Graf Galli hat sich nach Urmein zurückgezogen, um sich der Zeitenwende, die Europa mit dem Ersten Weltkrieg bevorsteht, zu entziehen. Von Urmein erhofft er sich

 

De(n) Zauber des Vergangenen, de(n) Reiz versteinerter Beständigkeit, (. . .) die durch nichts mehr zu erschüttern war, weder durch ihn noch durch seine Gäste noch gar durch jene Zeit, der sich zu entziehen er fest entschlossen war“. (S. 19f).

 

Dies gelingt in der ersten Hälfte des zweiteiligen Romans. Im ersten Teil, der die Zeitspanne von 1911 bis 1917 umfasst, werden Graf Gallis alte Freunde vorgestellt. Es sind allesamt Menschen, die in ihrem Berufsleben herausragende und machtvolle Positionen bekleideten, die nun im Alter aber eine skurrile Gesellschaft abgeben. Unter ihnen befinden sich ein Feinschmecker, eine Kokotte und ein Kastrat, ein erblindeter Reliquienhändler, ein homosexueller spanischer Dichter, eine verfettete Weltreisende und ein schlafloser Klaviervirtuose, der seine wahre Identität verschweigt. Nicht weniger kurios ist die Dienerschaft. Hier sind Sophie, die Köchin mit Holzbein und das ätherische Dorfmädchen Ursina erwähnenswert, ferner Graf Gallis stummer Diener Francesco sowie Tom und Leroi, zwei Schwarze aus dem Senegal, die hier ganz dem Geschmack der Zeit entsprechend „Neger“ genannt werden. Sie servieren das Essen mit diamantbesetzten Turbanen und beflügeln die Phantasie wie das erotische Begehren der Gäste.

Im Herzen des Schlosses liegt ein geschlossener Innenhof, an den sich ein exotischer Wintergarten anschließt. Hier trifft man sich abends, wenn ein versteckter Diener den Innenhof in künstliches Licht taucht, gelbe Nachmittagssonnen und oder Wüstenstimmungen herbeizaubert. Aus dem Innenhof führen kaschierte Türen zu den unsichtbaren Gängen der Dienstboten, die sich wie in einem Labyrinth durch das Schloss bewegen. Das Gesamtkunstwerk Urmein ist ein gigantisches Trompe l’oeil, zwischen dessen Wänden sich ein Leben abspielt, über das Graf Galli Regie führen will. Mit seinem Hang zum Größenwahn und Abenteuer, zur Künstlichkeit und Illusion ist er ein Mann des 19. Jahrhunderts:

 

Ich fühle mich entrückt und berauscht und bin dabei, alle nur erdenklichen Barrieren mit Leichtigkeit zu überspringen. Ich verwandle mich in das abenteuerlustige Kind zurück, das den Spuren jener Bücher zu folgen versuchte, die es verschlang, als ahnte es, dass das Leben selbst niemals die Rolle spielen würde, die die an Alltäglichkeiten so angenehm arme Literatur übernommen hatte, die mit Schicksalsschlägen, Schiffbrüchen, Liebesaffären und anderen Schrecknissen reich gesegnet war (S.67).

 

Wir wissen, dass der Autor Alain Claude Sulzer die Vorliebe seiner Hauptfigur für das Inventar der Romantik, für Künstlergenies und tragisch scheiternde Existenzen teilt. Allerdings blickt Sulzer aus dem zuende gehenden 20. Jahrhundert auf das verflossene 19 zurück. Diese Distanz ermöglicht es ihm, das zu tun, was Graf Galli vergeblich unternimmt: Er spielt mit seinen Figuren, führt sie in immer neuen Konstellationen zusammen. Dabei kommt es zu unerwarteten Paarbeziehungen zwischen der Oberwelt der Herrschaften und der Unterwelt der Dienstboten. Wenn die holzbeinige Köchin Sophie abends vor dem schlaflosen Pianisten Matthew tanzt, dann geschieht das fast laut- und gänzlich wortlos. Sie wissen nichts voneinander, Matthew nicht, dass Sophie ein besseres Leben bestimmt war, Sophie nicht, dass Matthew einmal eine Frau war. Das Bild ist eine der vielen Miniaturen, die Sulzer wie Intarsien in seinen Roman eingearbeitet hat. Dieser verdankt seine suggestive Kraft dem Umstand, dass an solchen Stellen weniger gesagt wird als möglich wäre. Der Erzähler des Romans bleibt allzeit wortkarg und lakonisch. Manchmal, wenn er Einblick in die Psyche seiner Figuren gibt, scheint er das Unsagbare zu streifen. Nehmen wir den stummen Diener Francesco:

 

Es gab in seinem lückenhaften Gedächtnis eine Stelle, an der er sich sprechen hörte. Wenn er, ohne artikulieren zu können, seine Lippen bewegte, gelang es ihm manchmal, diese diffuse Erinnerung so dicht an sich heranzuziehen, bis sie fast greifbar wurde. Dann wieder entwand sie sich ihm, verschwand aber nie ganz. Niemand hatte ihn beim Sprechen beobachtet, keiner war Zeuge seiner für immer verlorenen Fähigkeit gewesen, und niemals war es ihm gelungen jene flüchtige Erfahrung zu wiederholen (S. 108).

 

Es wird der Weggang des gräflichen Leibdieners Francesco sein, in dem sich der Niedergang der Gemeinschaft von Urmein manifestiert. Sulzer führt nämlich, anders als Graf Galli, kein heiteres Gesellschaftsstück sondern eine sich beschleunigende Tragödie im Sinn. Der zweite Teil des Romans spielt 1917. In den letzten Wochen des Jahres bekommt Graf Galli Besuch von seinem Neffen Flavio, der aus dem Schützengraben desertiert ist. Mit Flavio zieht der Schrecken des Weltkriegs dann doch in Urmein ein. Flavio ist verroht wie viele Kriegsveteranen und er begeht ein Verbrechen, das ihm, Zitat, „nicht weniger ehrenwert schien als jene Heldentaten, die auf Schlachtfeldern vollbracht wurden und für welche man Ehrentitel und Medaillen erhielt.“ Als sich der Vorhang über dem Schlosstheater am Silvesterabend zum letzten Mal hebt und einen grausigen Anblick bietet, sitzt Graf Galli da wie ein Regisseur, dem die Fäden aus der Hand geglitten sind. Sein Scheitern besteht darin, dass er ein sinnentleertes Utopia geschaffen hat. Die Gesellschaft auf Urmein definierte sich nicht durch ein gemeinsames Ideal, sondern in der Abgrenzung von einer Welt, die umso unbarmherziger in die Idylle hereinbricht. Neben dieser inhaltlichen gibt es eine zweite, eine künstlerische Begründung für das Ende von Urmein. Der Pianist Matthew führt sie einmal beiläufig im Munde, als er von seinem letzten, lange zurückliegenden Konzertabend berichtet:

 

In jenem Abend war ich, wie ich inzwischen weiß, unbeabsichtigt auf eine Methode gestoßen, mit der ich das uns bekannte und lieb gewordene Gefüge der Musik auflösen und in seine geringsten Bestandteile zerlegen konnte. Wozu das gut ist? Ich weiß es nicht. Aber wozu soll Kunst denn überhaupt gut sein? Sie erreicht ja weder das Gute noch das Böse. (S. 130).

 

Das kann man auch als knappe Poetik des Autors Alain Claude Sulzer lesen: Er fühlt sich weder dem Guten noch dem Bösen verpflichtet, sondern allein der Kunst. Mit Urmein hat er diesen Anspruch eingelöst und einen wirklich bemerkenswerten Roman geschrieben.

 

Deutschlandfunk, 1998