Suri, Manil

Suri, Manil | Vishnus Tod

Um Vishnu nicht zu wecken, falls er noch nicht gestorben war, ging Mrs. Asrani mit der Teekanne in der Hand auf Zehenspitzen hinunter bis zur dritten Stufe oberhalb des Treppenabsatzes, auf dem er lebte.

 

Dieser erste Satz des ersten Romans von Manil Suri, einem indischen Autor, der in Amerika lebt, birgt in sich die ganze folgende Geschichte. Vishnu wird sterben oder er ist schon tot, in Indien ist es ein Umstand, aber kein Makel, sein Leben auf einem Treppenabsatz zu fristen, weshalb sich die Nachbarin Mrs. Asrani vorrangig damit beschäftigt, ob eine Tasse Tee für einen Fast-Toten nun der Verschwendung oder Mildtätigkeit zuzuordnen sei:

 

Einerseits war nur allzu offensichtlich, daß Vishnu im Augenblick mit Tee nicht viel anfangen konnte. Schon am Vortag hatte er sich kaum gerührt, als sie seine Plastiktasse füllte, und sie hatte einen Hauch von Groll verspürt, als er ihr das gewohnte Salaam schuldig blieb. Andererseits war es gewiß ein gutes Werk, einem sterbenden Mann Tee zu bringen.

 

Diese Beschreibung nimmt Thema, Tempo, und auch die lakonische Süffisanz dieses Romans vorweg. Er erregte die Aufmerksamkeit einer amerikanischen Literaturagentin, die den Text aus einem Stapel eingesandte Manuskripte zog. Die weitere Karriere des Romans ist beispielhaft, sie beinhaltet dessen zeitgleiches Erscheinen in 14 Ländern und astronomische Vorschüsse für den Autor – Manil Suri gilt als neuer Hoffnungsträger des anglo-indischen Romans. Seit dem Welterfolg von Arundhati Roys „Der Gott der Kleinen Dinge“ haben sich Agenten und Verleger auf Schatzsuche nach Indien begeben, bislang mit hochgeputschten Erwartungen und mäßigem Erfolg. Wahrscheinlich wird auch Manil Suri die Leerstelle nicht füllen. Er hat zwar einen intelligenten Roman geschrieben, aber auch einen, der die Leseerwartungen des westlichen Publikums nur bedingt bedient. „Vishnus Tod“ ist kein üppig-fabuliernder Roman mit verzweigten Stammbäumen wie ihn Salman Rushdie oder Viktram Seth geschrieben hätten, es fehlen auch der sozialkritische Impetus eines Rohinton Mistry sowie die romantische Botschaft einer Arundhati Roy.

 

Das Universum dieses Romans ist ein Miethaus in einer Wohngegend der Mittelklasse in Bombay. Die vier Etagen des Hauses organisieren sich nach den vier Seinsstufen des Hinduismus. Ganz unten wohnen die Fliegenden Händler, es folgt der erste Treppenabsatz, auf dem Vishnu lebenslängliches Wohnrecht hat, er revanchiert sich mit kleinen Diensten für die Mieter. In der ersten Etage wohnen die Pathaks und die Asranis, sie streiten sich um den Wasserhahn und die gemeinsame Küche. Den Ehemännern gelingt es hinter dem Rücken ihrer streitsüchtigen Frauen, einen Krankenwagen für Vishnu zu bestellen. Doch dann bleibt ihnen kein Geld mehr für das Hospital, und der teure Krankenwagen fährt ohne Vishnu wieder ab. Stoff für eine Sittenkomödie bietet auch die zweite Etage. Hier wohnen die Jalals, sie sind Muslime, und der Mann des Hauses ist um Erleuchtung bemüht. Mr Jalal hat die großen Texte der Welt gelesen, von der Bhagavadgita bis zu Kant. Er hat sich kasteit und schläft nur noch auf dem Fußboden, umsonst. Die hohen Mächte schweigen bis zu dem Abend, an dem Herr Jalal sich neben Vishnu auf die Treppe legt, und an dem Vishnu sich ihm als oberster Gott des Hinduismus offenbart.

 

Diese Episode ist ein Knotenpunkt des Romans, er nimmt nun eine Wendung ins Tragische. Als Mr. Jalal den Fliegenden Händlern von seiner Vision berichtet, verwandeln sich diese in einen wütenden Mob, der seine Frau bewußtlos prügelt. Manil Suri orchestriert diesen Stimmungsumschwung mit Bedacht. Erst jetzt tritt nämlich Vinod Taneja auf, der oberste Mieter des Hauses. Er ist ein gereifter Mann, der sich nach dem Krebstod seiner Frau zurückgezogen hat. Er sucht und findet Erleuchtung in der Einsamkeit. Er steht auf der vierten Seinsstufe und könnte nach einer anderen Lesart ein weitere große Religion des Vielvölkerstaates Indien repräsentieren, den Buddhismus.

 

Nicht nur Mr. Jalal sieht in Vishnu den höchsten Gott des Hinduismus. Auch der Sterbende möchte, daß es so ist. Während er auf seinem Treppenabsatz liegt, halluziniert er, er hört die Geräusche um ihn herum und bezieht sie ein in seine Visionen. Er läßt die Geschichten an sich Revue passieren, die seine Mutter ihm erzählt hat, meist geht es um die zehn Verkörperungen des Gottes Vishnu. Der sterbende Vishnu glaubt ihr noch einmal, er sieht sich als Krishna, als Vogel, als das weiße Pferd Kalki. Dann verläßt er seinen Körper und muß feststellen, daß er, Gott hin, Kalki her, noch nicht einmal die Kraft hat, eine Ameise auf dem Treppenabsatz zu zertreten. Vishnus Tod ist auch ein Abgesang auf die Religion, die sich bei Manil Suri reduziert auf ein System von Zeichen, das sich deuten läßt, mal so, mal so. War Vishnu ein Gott, dann hat das Unglück der Jalals Größe, war er es nicht, dann ist ihr Ende höchstens absurd. Manil Suris Roman läßt alles offen. Er ist weniger eine Allegorie auf das moderne Indien, als uns euphorische Verleger weis machen wollen. Viel mehr handelt es sich bei „Vishnus Tod“ um ein phiosophisches Kabinettstück, an dessen Ende die Erkenntnis steht, daß es Erkenntnis nicht gibt. Von Manil Suri wissen wir, daß er bislang sein Leben als Mathematikprofessor der Infinitesimalrechnung verbracht hat. Wenigstens dort, bleibt zu hoffen, läßt sich eine Antwort findnen.

 

Deutschlandfunk, 2001