Swift, Graham

Swift, Graham | Last Orders

“It aint like your regular sort of a day“: Nicht gerade ein gewöhnlicher Tag ist es, dem Graham Swift, gleichwohl lakonisch im Auftakt, seinen jüngsten Roman widmet. „Last Orders“, soeben unter dem Titel „Letzte Runde“ im Hanser Verlag erschienen, handelt von dem letzten Wunsch des Fleischer-meisters Jack Dodds. Dessen sterbliche Überreste sollen, fern des heimatlichen Süd-Londoner Stadtteil Bermondsey, in die See gestreut werden. Also machen sich seine Freunde Ray, Vince, Vic und Lenny in einem Mercedes der S-Klasse (königsblau, cremefarbene Polster, Armaturenbrett aus Nußbaum) auf zu einer tragikomischen Pilgerfahrt entlang der Old Kent Road, auf der schon Geoffrey Chaucers Büßer entlangkrochen. Ihr Ziel ist das Meer, genauer der Pier von Margate in der Grafschaft Kent. Die vier fahren dorthin, wo Jack Dodds und seine Frau Amy ein neues Leben beginnen wollten. Vielleicht. Doch nun ruht Metzger Dodds, der Weltkriegsveteran der einmal Arzt werden wollte, in einer Feinkosttüte.

„Letzte Runde“, skurril im Thema, subtil in der Ausführung, bescherte auch Graham Swift einen außerge-wöhnlichen Tag: Er wurde dafür mit dem britischen Booker Preis, dem angesehensten Literaturorden des Commonwealth belohnt. Anderthalb Jahrzehnte war es still geworden um den einst so beliebten Jungautoren Swift. Er stand im Schatten seines eigenen Erfolges: Seinem Generationendrama „Waterland“, 1983 ebenfalls für den Booker nominiert, waren zwei Romane gefolgt, für die die Kritiker nur lauwarme Worte übrig hatten. Swift verschwand aus den Best-sellerlisten, während man an ausländischen Universitäten „Water-land“ aufs Curriculum setzte. Den heute 48jährigen Autor kümmert’s im Rückblick wenig: „Ich hätte den Booker 1983 nicht früher gewonnen wollen. Es ist nicht gut, wenn man zu früh zu viel Erfolg hat“.

Immerhin ermöglichte der Run auf „Waterland“ es Swift, seine Lehrtätigkeit aufzugeben und sich ganz dem Schreiben zu widmen. Seither feilt er hartnäckig an seinem schriftstellerischen Inventar. Swift schreibt über sprachlose Familien, zerrüttete Ehen, Töchter, die ihren Vätern davonlaufen – gleich drei sind es in „Last Orders“. Die kollektive Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg durchzieht sein Werk wie ein roter Faden. Vic, Vince, Lenny und Ray werden an dem Marinedenkmal von Chatham anhalten. „Ich bin Jahrgang 49, das ist nicht so weit weg vom Kriegsende. Dieses enorme Geschehen war für mich immer Realität“, erklärt Swift. Der Tod als „Grunderfahrung der Menschheit“ wurde ihm zum Gravitationspunkt seines Schaffens: „Er ist unser aller Geschichte. Da unterscheiden wir uns nicht von Menschen, die vor hundert oder zweihundert Jahren lebten“. Nach Mord („Waterland“, 1983), Totschlag („Out of this World“, 1988) und Selbstmord („Ever After“, 1992) hat Swift nun vom Leben erzählt, wie es nach dem Tode weitergeht.

In „Last Orders“ schlägt er trotz seiner düsteren Materie einen leichten, bisweilen gar heiteren Ton an. Seine vier männlichen Protagonisten sind in Ausflugs-stimmung: „Als ob das etwas ist, was Jack für uns getan hat, um uns zu verwöhnen“, denkt Ray. Ray ist Schrotthändler mit phänomenalem Glück beim Pferdewetten. Vic arbeitet als Bestatter, Lenny als Gemüseverkäufer. Vince, Jacks Ziehsohn und der jüngste im Bunde, hat als Gebrauchtwagenhändler eine Karriere gemacht, die über die Durchschnittsexistenz im Arbeiter-viertel Bermondsey hinausweist. Vier Hartgesottene sind das, die um Gefühle nicht viel aufhebens machen, die ihre Rivalitäten heute verschweigen, Jack zuliebe. Zu bereden gäbe es wohl einiges: Vince hat Lennys Tochter geschwängert und sitzen lassen; Ray hatte eine Affäre mit Jacks Frau Amy, von der nur Vic weiß. Amy und Jack wiederum hüteten fünf Jahrzehnte lang die Scherben ihrer Ehe. Auch an diesem Donnerstag ist Amy unterwegs um June im Krankenhaus zu besuchen, ihre behinderte Tochter, die von Jack verstoßen wurde. „Die Dinge, die erzählt werden, und die, die nicht erzählt werden“, denkt Amy, als sie im Bus sitzt.

Behutsam montiert Swift seinen Text um das Schweigen herum. Er hat diesen Roman polyphon, mit sieben Erzählstimmen der ersten Person gebaut. Wie ein Puzzle fügen sich in 75 Kapiteln die Erinnerungen und inneren Monologe der fünf Männer und zwei Frauen, der sechs Lebenden und des einen Toten zusammen. Von deren Schnittmengen und schwarzen Löchern, von Hoffnung, Gram und Liebe erfährt nur der Leser. Der Autor ist verschwunden, er hat das Zepter an seine Figuren übergeben. Swift beeindruckt durch den Respekt, den er seinen Kreaturen zollt. Am Ende stehen sie erklärt, aber unbescholten dar. „Ich liebe sie alle. Und sie existieren über das Buch hinaus“, sagt der Autor.

Graham Swift läßt seine Protagonisten im Cockney-Slang sprechen (in Barbara Rojahn-Deyks deutscher Übersetzung rückt der Text, was unvermeidlich aber bedauerlich ist, ein Sprachregister auf). Das hat in England einiges Aufsehen erregt, witterten Rezensenten doch eine Renaissance der „Angry Young Men“ und ihres Engagements für die „Working Class“. Doch scheint dies zu kurz gegriffen, denn Graham Swift fehlt jeder klassen-kämpferische Impetus. Er schreibt über Schrotthändler wie zuvor über Photographen oder Lehrer: „Im Tod sind alle gleich“.

Sollte anhand von „Last Orders“ partout eine Zäsur beschrieben werden, dann sei es diese: Graham Swift hat jenen Elfenbeinturm der Innerlichkeit verlassen, in dem Weg- und Altersgefährten wie Pat Barker, Martin Amis und Julian Barnes erfolgreich kampieren. Swift lockt das Abenteuer des Alltags. Er hat ihm sein schönstes Buch abgetrotzt.

 

Die Welt, 1997