Tokarczuk, Olga

Tokarczuk, Olga | Letzte Geschichten

 

Olga Tokarczuks jüngster Roman erinnert an ein Triptychon. Wie ein Triptychon besteht er aus drei Teilen, die eine gemeinsame Szene bebildern. Das Herzstück steht in der Mitte. Beginnen wir also in der Mitte. In der Mitte des Romans treffen wir auf Paraskewia. Paraskewia spricht in der ersten Person, anders als die beiden Frauen, die vor und nach ihr zu Wort kommen. In der Mitte, im Ich, formiert sich der Bewusstseinshorizont dieses Romans. Als die Paraskewia ein junges Mädchen war, lebte sie, eine Ukrainerin, im östlichen Teil Polens. Sie heiratete den viel älteren polnischen Schullehrer des Ortes, dann kamen die Russen. Der drohenden Deportation kommen die beiden durch ihre Flucht nach Westen zuvor. Sie lassen sich dort nieder, wo die deutschen Urlauber Jahre später mit ihren Fotoapparaten auftauchen werden, um ihr altes Haus, ihren alten Hof wieder zu finden. Umsiedlung und Vertreibung sind ein zentrales Thema in den melancholischen Romanen und Erzählungen der Olga Tokarczuk. Sie schreibt:

 

Als wir mit dem Wagen zum Bahnhof in der Stadt fuhren, wo der Sammelpunkt war, kamen von allen Seiten ähnliche Fuhrwerke an, voller Krempel, mit Kühen, die an die Wagen gebunden waren, und Hunden, die sie bellend umsprangen. Ein schrecklicher Anblick. So wird sicher das Ende der Welt aussehen, nicht die aus ihren Gräbern Auferstandenen werden einen langen Zug bilden, sondern Menschen auf einem endlosen Weg zu unbekannten Stationen, von denen sie an einen anderen Ort verbracht werden. Nicht das Dröhnen von Engelstrompeten wird ertönen, sondern das klagende Pfeifen der Lokomotiven. (S. 179).

 

Die religiöse Metaphorik ist kein Zufall. Flucht und Vertreibung sind für Olga Tokarczuk weniger als politische Gegebenheiten interessant. Sie stellen vielmehr einen fast schon mythischen Urgrund dar, der eine gewaltige architektonische Verschiebung im Bewusstsein ganzer Generationen zur Folge hatte. In ihrem Roman, „Letzte Geschichten“, konjugiert Olga Tokarczuk den Zustand der Entwurzelung durch drei weibliche Generationen hindurch und zeigt, wie er sich verändert. Die Großmutter Paraskewia fühlt sich entwurzelt, da sie ihre Heimat und ihre Sprache verloren hat, das neue Haus im Westen bleibt ihr fremd. Ihre Tochter Ida erfährt die Entfremdung von den Eltern. Sie schämt sich vor allem wegen der bäuerischen Lebensführung und der ukrainischen Worteinschläge der Mutter. Die Enkelin Maja wiederum wird zur rastlosen Globetrotterin, sie erfährt Entwurzelung vor allem als die geistige Grundhaltung des postmodernen Menschen. Maja schreibt in ihr Tagebuch:

 

Womit sonst lassen sich Menschen denn noch definieren? Sie werden wiederholbar, zu Kopien. Je weniger definierbar, je weniger zugehörig man ist, desto größer ist die Illusion, dass man in größerem Maße die Wahl hat, es schwindelt einem geradezu von all den Möglichkeiten des eigenen Selbst, von den potentiellen, noch nicht entwickelten Ereignisketten (248).

 

Vereinzelung ist die Folge von Entwurzelung. Mit großem Geschick belebt Olga Tokarczuk die jeweiligen Zustände der Vereinzelung auch in ihrer Prosa. Sie verwischt die Spuren der Verwandtschaft zwischen den Frauen, indem sie die Genealogie durchbricht. Zuerst kommt mit Ida die mittlere Generation zu Wort, den Mittelteil bestreitet die Großmutter Paraskewia, die Enkelin spricht zuletzt. Aus sparsam gestreuten Hinweisen lässt sich ferner schließen, dass auch die Chronologie der Erzählzeit verschoben ist. Ida erzählt ihre Geschichte um 2000, Paraskwia um 1993, Maja in der Gegenwart, in der Jetztzeit des Lesers. Die Zeit ist bei Olga Tokarczuk kein Kontinuum, eher ein Körper. In mehreren Dimensionen existiert sie in jedem Bewusstsein und ist diesem untergeordnet; ein Thema, mit welchem die Leser von Tokarczuks früheren Romanen vertraut sind. In der Stofflichkeit der Zeit ist der Tod der einzige Punkt, den der Mensch definieren kann. Und da Olga Tokarczuk sich intensiv mit dem Wesen der Zeit auseinandersetzt, handelt jede ihrer drei Geschichten auch vom Tod und vom Sterben. Ida findet nach einem Autounfall bei zwei alten Leuten Zuflucht, die eine Sterbeklinik für Tiere betreiben. Paraskewia ist im Begriff, ihren toten Mann Petro zu begraben. Die Enkelin Maja schließlich trifft den Tod in der Südsee. Auf dem scheinbar idyllischsten Vorposten der Zivilisation tritt er ihr entgegen in der Gestalt eines krebskranken Zauberkünstlers, der hier seine letzten Tage verbringt:

 

Sie fühlte, wie ihr heftig das Blut zu Kopf stieg, aber sie beherrschte sich. „Warum sind sie dann nicht im Krankenhaus? Warum lassen Sie sich nicht behandeln?“

Er sagte: „Es ist nur eine Frage der Zeit, nicht des Ortes. Sie werden auch sterben. Und er wird sterben.“ Er zeigte auf den Jungen, der konzentriert, mit herausgestreckter Zungenspitze das Kunststück mit den Kugeln probierte. „Und die beiden auch.“ Er deutete mit dem Kopf auf die Kellner, die die Tische abräumten.

„Weshalb sollte mir an einem weiteren Oktober oder April gelegen sein? Was sollte sich so Neues, Außergewöhnliches ereignen? Noch eine Reise? Ein Gewinn im Kasino?“ Er verstummte einen Augenblick, dann setzte er hinzu: „Ich bin frei, ich kann es jederzeit machen.“ (283).

 

Mit dem Freitod des Zauberkünstlers nach einer selbstinszenierten letzten Vorstellung endet dieser ungewöhnliche Roman. Olga Tokarczuk erlaubt sich hier zum Ende hin einen Knalleffekt. Virtuos aber ist sie, weil sie über sehr lange Strecken ohne dergleichen auskommt. Einmal mehr erweist sie sich selbst als Magierin, der es gelingt, geistige Räume hinter den einfachsten Dingen aufzuschließen. Olga Tokarczuks Sprache ist klar, lakonisch, manchmal auch poetisch. Esther Kinsky verdankt man die anspruchsvolle Übersetzung dieser bedeutenden polnischen Schriftstellerin. Sie wiederholt im Deutschen, was Olga Tokarczuk aufs Trefflichste gelingt: Die Tiefenstruktur unserer Wirklichkeit zu beschreiben.

 

Deutschlandfunk, 2006