Tolbin, Colm

Tolbin, Colm | Flammende Heide

Wer sich die irische Gegenwartsliteratur über Colm Tóbín erschließen will, wählt nicht den leichtesten Weg. Der 41 jährige Autor versagt sich den Charme, mit dem seine Altersgenossen brillieren. Eine archaische Kargheit haftet seiner Prosa an, und seinen Geschichten unterliegt eine Melancholie, die so irisch ist wie der Regen, der in ihnen unaufhörlich fällt. Wäre Colm Toibin nicht Journalist und Schriftsteller geworden, dann hätte man ihn sich als Lehrer oder Pfarrer denken können, wovon es in irischen katholischen Familien traditions-gemäß je einen gibt. Toíbín ist jemand, der in der Tiefe wühlt, der in den Winkeln seiner Gesellschaft nach Moral spürt. Zu einer Lesung in Berlin, es wimmelte von bunten T-Shirts, erschien Colm er unlängst in einem strengen dunklen Anzug mit weißem Kragen.

 

Drei Sachbücher und zwei Romane hat dieser bemerkenswerte Schriftsteller inzwischen veröffent-licht, ein dritter Roman soll im September in England erscheinen. Neu auf dem deutschen Buchmarkt ist sein zweiter Roman „Flammende Heide“ (Rowohlt) in einer einfühlsamen Übersetzung von Matthias Müller. Toíbíns Erstling „Der Süden“ ist im Aufbau-Verlag in Vorbereitung, dort liegt bereist sein autobiographisches Reisebuch „Huldigung an Barcelona“ vor. Mit zwanzig Jahren besuchte Toíbín Spanien zum erstenmal. Er spricht fließend Spanisch und Katalanisch, das Land ist seine Wahlheimat geblieben und dient in seinem literarischen Schaffen als Spiegel zu seiner Heimat. So läßt er seine Heldin Katherine Proctor in „Der Süden“ aus dem Irland der Fünfziger Jahre aufbrechen nach Barcelona, so daß sich Parallelen ergeben zwischen ihrer eigenen bürgerkriegsgeschüttelten Vergan-genheit und dem Leben in Francos Spanien. Katherine wird, wie alle Helden Toíbíns, nach Enniscorthy zurückkehren. Die Kleinstadt in der südöstlichen Grafschaft Wexford ist das Epizentrum von Toíbíns Schaffen, hier ist er aufgewachsen, und hierher führen seine Romane so sicher zurück wie die Proust’schen nach Combray.

 

Toíbín ist, ähnlich wie der zwanzig Jahre ältere John Mc Gahern, ein Protokollant des irischen Landlebens. Und damit kommt er um die Dreifaltigkeit von Kirche, Familie und Staat nicht herum, das sind die Pfeiler, auf denen dieses Leben beruht. „Flammende Heide“ ist zu würdigen, weil der Roman diese drei Themen in einem familiären Mikrokosmos verschmilzt, der en miniature ein Panorama des modernen Irland schafft. Die Hauptfigur ist Eamon Redmond, ein hochrangiger Richter, der kurz vor seiner Rente steht. Er verbringt jeden Sommer mit seiner Frau Carmel in der Kleinstadt im Südosten, in der er groß geworden ist. In behutsamen Rückblenden erfährt der Leser, was ihn prägte: Seine Herkunft aus einer republikanisch-katholischen Familie, nach deren Führer und Staatsgründer Eamon de Valera er benannt ist, und deren erinnerte Geschichte weit hinter der Osterrebellion von 1916 zurückreicht bis zu einem mißglückten Aufstand gegen die protestantische Herrschaft 1798. Ein altes Revolutionslied hat dem Roman seinen Titel gegeben: „Als über den Wiesen von Shelmalier die Sonn‘ versank, Entflammte die Heide von Rebellenhand“. Die katholische Religion mit ihren faszinierenden wie düsteren Ritualen erlebt der Meßjunge Eamon aus nächster Nähe. Schließlich ist da der frühe Tod von Eamons Vater, einem Schullehrer, zu dem der Junge eine innige Beziehung hatte.

 

Toíbín elaboriert nichts, und doch begreift man, daß verschüttete Trauer für Eamon Redmonds Zustand verantwortlich ist. Als gereifter Mann sagt er von sich, „daß er selbst keine ausgeprägten moralischen Ansichten hatte, daß er aufgehört hatte, an irgend etwas zu glauben.“ Ohne innere Richtschnur fällt er Urteile, die an den Nerv der Verfassung rühren. Redmond zieht sich auf Paragraphen zurück und kommt zu Schlüssen, die sein Privatleben paradox widerspiegeln: Er verurteilt eine minderjährige Schülern, die schwanger wurde, dazu, ihre religiös geprägte Schule zu verlassen. Seine eigene Tochter Niambh aber bekommt ein uneheliches Kind und sein Sohn Donal attackiert die Urteile des Vaters öffentlich. Redmond unterweist die Regierung darin, wie mit IRA-Strafgefangen zu verfahren ist; er weiß aber auch, daß sein Vater einst dabei war, als protestantische Häuser brannten. Mit juristischer Gewissenhaftigkeit trennt er sich von seinem gelebtem Leben. Er bemerkt, wie ihm seine Familie fremd wird. Hinter Toíbíns Worten lauert das Schweigen: „Unsere Gesellschaft hat zwei oder drei Zimmer. Man kann darin leben, aber nie dazugehören“, hat der Autor einmal gesagt.

 

Weil es um Sprachlosigkeit geht, erzählt Toíbín seine Geschichte mit minimaler Bewegung. Zur Halbzeit fürchtet man gar, sie könne ganz zum Erliegen kommen, doch der Autor widersteht der Versuchung, in den Farbtopf zu greifen. Als Klimax erlaubt er sich nicht mehr als einen zweiten Tod. Diesmal stirbt Eamons Frau Carmel. Der trauernde Witwer ist wieder nicht in der Lage, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch er nimmt sie wahr, und der Roman endet auf einer versönlichen Note mit einer Annäherung zwischen Redmond, den Kindern und seinem Enkelsohn.

 

Toíbín erzählt mit lakonischer, kühler Präzision. Seine einfache, realistische Erzählweise ist der Erfahrung des langjährigen Journalisten geschuldet. Er beschreibt, enthält sich aber jeglicher Erklärung im Vertrauen auf die Deutungskraft des Lesers. Das funktioniert, denn Colm Toibin weiß um die Feinmechanik der Dinge, von denen er spricht. Auch Toíbín hat seinen Vater als Junge verloren, er hat diesem Ereignis in einem seiner früheren Bücher ein Kapitel gewidmet und berichtet, wie er sich diesen Verlust erst viele Jahre später einstgestehen konnte. Als einen „Triumph der Kontrolle“ rühmte John Banville, Irlands wohl einflußreichster Romancier und Literaturkritiker, „Flammende Heide“ – was beweist, daß Toíbín in seiner Heimat ein gemachter Mann ist. Den Lesern hierzulande sei anheimgegeben, daß der beschwerliche Weg auch oft der lohnende ist: Wer Toíbín liest, nimmt eine Abkürzung ins Herz des modernen Irland.

 

Die Welt, 1996