Trevor, William

Trevor, William | Die Kinder von Dynmouth

Timothy Gedge, 15 Jahre, ist anders als andere Kinder. Er liebt kanariengelbe Kleider, Beer-digungen und Bühnenmorde. Keiner mag Timothy Gedge, jedenfalls nicht die 4139 Einwohner des englischen Badeortes Dynmouth. Bestenfalls haben sie, wie Pfarrer Quentin Featherston, ein schlechtes Gewissen beim Anblick des pubertierenden Schlüsselkindes. Der Junge lungert in den Küchen, Wohnzimmern und Gärten braver Bürger herum; er späht durch Schlüssellöcher und in die Schlafzimmer. Timothy weiß alles über Dynmouth.

Mit sicheren, knappen Strichen zeichnet der irische Autor William Trevor die Hauptfigur seines Romanes „Die Kinder von Dynmouth“. Ebenso sparsam geht er vor, wenn er uns erklärt, daß Dynmouth ein Nest ist. Hier gibt es eine Promenade, drei Banken, vier Kirchen, einen Fish- und Chip-Laden, eine Sandpapierfabrik, das Kino Essoldo und den Sir Walter Raleigh Park. Fertig ist der bürgerliche Mikrokosmos, der geradezu danach schreit, aus seiner Balance gebracht zu werden.

Timothy erpresst die Bürger von Dynmouth mit seinem Wissen. Sein Motiv ist so makaber wie sentimental: Timothy möchte seiner Zukunft in der Sandpapierfabrik entgehen, er möchte Schauspieler werden. Auf einem Talent-wettbewerb, der wie jedes Jahr an Ostern stattfindet, will er einen Massenmörder darstellen, der gleich drei Bräute ertränkte. Dazu braucht er einen Vorhang, einen Nadelstreifenanzug, ein Hochzeits-kleid und eine Badewanne. Seine Opfer sollen ihm helfen, diese Requisten zu besorgen.

Die „Kinder von Dynmouth“ bieten alle geschätzten Zutaten des britischen Romanes: einen skurrilen Plot, eine Prise schwarzen Humors, lebensnahe Bodenhaftung. Das Interesse des Autors an Milieu und sozialer Schichtung verrät, daß der Roman schon 1976 geschrieben wurde. Rotbuch hat ihn jetzt in deutscher Übersetzung nachgelegt und ermöglicht so einen Blick zurück auf den frühen William Trevor. Damals wie heute – man denke an Trevors Erfolgsroman „Felicias Reise“ – bevorzugte er eine sparsame Prosa und minimale, raffinierte Erzählbewegungen. Trevors Hauptfiguren sind oft Außenseiter, hier war es das schwangere irische Arbeiter-mädchen, dort das Schlüsselkind Timothy. Gerne baut er einen Topos aus der Trivialliteratur ein. Diesmal glaubt Timothy Gedge, daß er der illegitime Sohn des Dorfdoktors sei. Man fühlt sich an Charles Dickens, erinnert, allerdings wäre das ein Dickens, der seine Hausaufgaben bei Patricia Highsmith gemacht hat: Trevor liebt Kriminalgeschichten, und auch die „Kinder von Dynmouth“ leben von der Suggestion des Thrillers.

Timothy Gedge besucht jedes seiner Opfer zweimal. Beim erstenmal gibt er zu verstehen, daß er ihr innerstes Geheimnis kennt: Mrs. Dass ist der geliebte Sohn durchgebrannt, Mr. Plant treibt es mit allen Frauen des Ortes, Mr. Abigail, Commander der Marine a.D., hat eine Schwäche für kleine Jungs. Alle wehren sich gegen den ewig grinsenden Timothy. Doch dann beginnen die schlaflosen Nächte. Die Substanz des Romanes liegt in diesen Zwischenräumen, in der Zeit, wenn das schleichende Gift von Timothys Worten zu wirken beginnt. Trevor beschreibt diese Bedrängnis subtil und nuancenreich. Besonders lebendig geraten ihm die Kinder Kate und Stephen, deren Freundschaft unter dem Druck von Timothys Worten zu zerbrechen droht. Was ist mit der Mutter des Zwölfjährigen Stepehen wirklich passiert? Ist sie in einer stürmischen Nacht von den Klippen gestürzt oder gab es jemanden, der sie stürzte?

Am Ende des Romanes spricht Pfarrer Quentin Featherston zu Kate über die Farbe Grau und ihre vielen Halbtöne und Schatten. Die gebro-chenen Farben der Wahrheit sind das eigentliche Thema des Romans. Nicht alles, was Timothy weiß, ist wirklich geschehen. Doch ab wann ist etwas wahr: Wenn es schon getan oder vielleicht nur gedacht ist? Timothys Worte wirken, denn sie haken sich ein in die Grauzone zwischen Wunsch und Tat.

Übrigens ist auch Timothy eine graue Existenz. Zu keinem Zeitpunkt vergißt der Leser, daß Timothy einer ist, den das Leben links liegen läßt. Pfarrer Featherston sagt ihm eine Zukunft in den Gerichtssälen, den tristen Büros von Sozialarbeitern, den Zellen verschiedener Gefängnisse voraus: „Wenn man ihn jetzt anschaute, konnte man diese Zukunft spüren, und seine Augen erinnerten einen daran, daß er nicht darum gebeten hatte, auf die Welt zu kommen“. Unverblümt setzt Trevor auf das Mitgefühl des Lesers. Er hat Erfolg, denn nach der Lektüre dieses Romanes fragt man sich einmal mehr, wo die Grenze zwischen Mitwisser und Mittäter verläuft.

 

Literarische Welt, 1997