Urquhart, Jane

Urquhart, Jane | Übermalungen

Nichts ist wie das Gefühl des ertsten Erfolgs. Jane Urquhart erinnert sich gut an jenen Tag, an dem ihr erstes Gedicht in einer kleinen kanadischen Literatur-zeitschrift veröffentlicht wurde: „Ich bekam einen Scheck über zehn Dollar per Post. Wir machten eine Flasche Champagner auf und feierten wie verrückt. Ich habe mich nie wieder so gefreut.“

Das war vor mehr als zwei Jahrzehnten. Heute ist Jane Urquhart 48 Jahre alt und bekommt Schecks über 10 000 Dollar. Am 18. November hat sie für ihren vierten Roman „Übermalungen“ den kanadischen „Governor General’s Award“ bekommen. Es ist der wichtigste Literaturpreis des Landes. Berühmter kann man in Kanada kaum werden: Autoren wie Michael Ondaatje, Margaret Atwood oder Robertson Davies gehören zu den früheren Preisträgern.

Der Ruhm habe, sagt Urquhart, ihren Alltag nicht verändert. Sie lebt zurückgezogen in einem Achthundert-Seelen-Dorf im Süd-westen Ontarios. „Hier stört es keinen, wenn mein Foto ab und zu in der Zeitung auftaucht. Ich bleibe Emilys Mutter.“ Emily ist ihre mittlerweile zwanzigjähige Toch-ter. Urquhart ist in zweiter Ehe mit dem bekannten Maler Tony Urquhart verheiratet. Auch ihr erster Mann Paul Keele, der jung in einem Verkehrsunfall starb, war ein Maler. Jane Urquharts Roman „Übermalungen“ handelt von der Kunst. Und vom Verlust. Und davon, wie beides zusammen-hängen kann.

Austin Fraser heißt der Ich-Erzähler des Romans. Er ist ein amerikanischer Maler, der sich am Ende seines Lebens erinnert an eine Spur der Verwüstung, die er hinterlassen hat. Fraser hat sein Modell Sara gemalt, statt sie zu lieben. Er hat das Leben seines besten Freundes George durch Unachtsamkeit zerstört. Nun malt Fraser Szenen seiner Vergangen-heit als realistische Bilder und übertüncht sie dann, Schicht um Schicht, mit der Farbe Weiß: „Übermalungen“. Die Kritiker sind entzückt, und Sammler zücken die Scheckbücher. Keiner kommt auf die Idee, daß dies Trauerbilder sind. „Es ist mein düsterstes Buch“, sagt Urquhart. Und daß sie sich oft über Fraser geärgert hat, sich kleine Ringkämpfe mit ihrer Hauptfigur geliefert hat: „Ich wollte das Buch in der dritten Person schreiben. Er bestand auf der ersten.“ Jane Urquhart, eine freundliche, humorvolle Frau und leidenschaftliche Schriftstellerin, hat sich oft erschrocken über Austins Frasers Erzählton: „Ich habe mich gefragt, ob irgendwo in mir ein kalter, distanzierter Mensch schlummert. Jung hätte wohl gesagt, daß da mein Schatten-Ich durchkam.“

Auch Urquhart malt Szenen ihres Lebens. Sie ist in der Einsamkeit des Lake Superior im Nordosten Kanadas aufgewachsen, in einer Siedlung, in die man nur mit dem Flugzeug oder dem Hundeschlitten gelangte. Dort lebt Frasers Modell Sara. Saras Vater war in den Silberminen tätig, Urquharts Vater schürfte am Lake Superior nach Gold. In dem Roman frißt sich der Mensch geldgierig in die Landschaft. Deren Zerstörung schreitet fort mit dem Schaden, den Fraser in seiner geistigen Raffgier anrichtet. Fraser ist ein kompromißloser Ästhet, er manipuliert Menschen, um seine Kunst zu verfeinern. „Sie sind eiskalt“ sagt Austins Mentor Rockwell Kent zu seinen Bildern. Übrigens ist Kent eine historische Figur. Er gehörte zu einem Kreis von amerikanischen Malern, die das nördliche Licht zu Beginn des Jahrhunderts nach Kanada zog, genau wie den fiktiven Austin Fraser.

Auch in ihren früheren Romanen bedient sich Jane Urquhart der Landschaft als Metapher für den Zustand der Menschen. Damit behauptet sie ihren Platz in der Tradition der kanadischen Literatur. Und sie verweist auf Konventionen der europäischen Romantik. Es überrascht nicht, daß Jane Urquhart die Gemälde des Franzosen Gustave Courbet liebt. In der Literatur gehört Emily Bronte (Sonderzeichen) zu ihren Vorbildern, deren Roman „Sturmhöhe“ sie als Kind verschlungen hat. In den „Übermalungen“ tobt der Strum auf dem Wasser: Der Lake Superior brodelt, wenn Austins Modell Sara zornig ist. Der Maler wiederum starrt mit einem Fernglas in eine Landschaft aus Eis, als er seine letzte Chance verspielt. Über den gefrorenen See kämpft sich Sara auf Skiern zu ihm durch, ein kleiner Punkt in der Ferne. Es wird ihre letzte Verabredung sein. „Ich habe Fraser nicht halten können“, sagt Jane Urquhart.

 

Focus, 1997