von Düffel, John

von Düffel, John | Zeit des Verschwindens

Der jungen deutschen Literatur wird nachgesagt, dass sie wieder erzählt und dass sie gelesen werden will. Beides bestätigt sich nur bedingt, führt man sich die neuen Romane von Ralf Bönt, Marcus Braun und John von Düffel zu Gemüte führt. Die drei haben vieles gemeinsam, sie sind jung, zwischen 23 und 35 jähre alt, sie haben mit ihren Debüts Punkte gesammelt und sie schreiben in ihrem zweiten Roman über die Liebe.

Glaubt man den jungen Autoren, so ist es um letztere schlecht bestellt. In Ralf Bönts Großstadtroman „Gold“ kommt die Liebe leicht antiquiert als Beziehungskiste daher. Der Schauplatz ist Berlin (Jahrtausendwende), die Stimmung ernüch-tert und der Lebensstil polygam. Hans Zork, Anna Plech, Charlotte Müller heißen die Protagonisten, ihnen steht Dorado Tumbaga

 

 

zur Seite, ein Türke der zweiten Generation. Wer die Namensgebung als lieblos empfindet, liegt richtig: Der Autor/Erzähler gibt keinen Pfifferling für sein Personal, eingangs beschimpft er Zork, Plech, Müller und „Doro“ als „Handvoll künstlich missratener Heldinnen“, am Ende schickt er sie in der Silvesternacht auf Todesfahrt. Dazwischen dürfen alle Mal: Doro sonst mit Lotte aber nun mit Sismene, Anna sonst mit Hans aber heute mit einem Strichjungen, darauf Hans und Lotte miteinander aus Rache und in alter Freundschaft.

Bönt vereinnahmt seine Leser in einem erzählerischen „Wir“, was sich so anfühlt, als spendiere uns ein Fremder am Tresen ein Bier um danach Vertraulichkeiten zu diskutieren: „Die Figuren werden wir deshalb ein bisschen vergewaltigen, wenn es gar nicht anders geht, klar.“ Bönts Unlust ist offensichtlich, sein Erzählton ungebrochen ironisch, die Stoßrichtung aber bleibt diffus. An den Kränen, die über Berlin hängen, an dem „Gold“, das ein namenloser Vorstand scheffelt, lässt sich eine Kritik am zweiten deutschen Aufbau festmachen. Wenn Bönt vom „Aufschwung“ spricht, von „Innovation“ oder „Rendite“, schwingt eine Empörung mit, als führe ein Alt-Achtundsechziger die Begriffe „Imperialismus“ und „Kapital“ im Munde. Es kommen aber keine Achtundsechziger in dem Roman vor, nur Hansis Eltern, und die stammen, was die Grenzen des biologisch Machbaren strapaziert, vom letzten Krieg: „Uns kotzen sie auch an, diese Eltern von Hans. Die hier absolut nichts verloren haben außer halt jenen Krieg früher und jetzt ihren Hans, den sie schon lange verloren haben und ganz.“

Nicht immer reimt sich Bönts Prosa, trotzdem entgeht allen Peinlichkeiten nur, wer nicht so genau hinters Komma schaut. Da kann es nämlich passieren, dass einer „dunkel denkt“ oder eine „hell ruft“. „Drüben im Osten leuchtet ein Gasfassade“, lässt Bönt uns wissen, und dass das Wort „Deutschland“ „vulgär“ klinge wegen des „nicht italienischen Doppeldiphtongs“ in der Mitte. Wenn ein junger Autor in der noch jüngeren Hauptstadt nicht mehr zu berichten weiß, dann mag es für die Kunst hilfreich sein, den Schauplatz zu wechseln – demnächst geht Ralf Bönt als erster Stipendiat des German Book Office nach New York.

Zwischen Paris und Berlin bewegt sich Marcus Brauns neuer Roman „Nadiana“. Dessen Hauptfigur heißt Nadja, ihr zur Seite stehen zwei Männer, Rosenbaum und Stroheim. Zwischen ihnen entspinnt sich eine Dreiecks- und Eifersuchtsgeschichte mit klassischem Inventar, mit Verdächtigungen, Bezichtigungen, leeren Versprechungen und folgerichtigen Enttäuschungen.

In Marcus Brauns Roman sind diese Gemütsbewegungen zum Zweck und Inhalt geworden. Offen bleibt, ob die Affäre zwischen Stroheim und Nadja je existierte, oder ob sie lediglich ein Hirngespinst Rosenbaums ist – am Ende gehen die beiden männlichen Konkurrenten so weit, sich gegenseitig zur Fiktion oder für tot zu erklären. Marcus Braun schafft einen kärglich möblierten Erzählraum, in dem nur Restposten von Handlung, Raum oder Zeit dingfest gemacht werden können. „Vermutlich treffen wir Stroheim auf der Rückfahrt“, heißt es zum Auftakt des Romans, ein Satz, der in seiner Konkretheit alle folgenden überragt. Nadja und Rosen-baum reisen ganz altmodisch in einem „Sechserabteil“, Stroheim, der Drehbuchautor und Regisseur, sitzt ihnen gegenüber und kritzelt uneinsehbare Notizen. Braun gelingt es, die geschlossene Situation der Eisenbahnfahrt und die aus ihr resultierende erotische Spannung sinnlich erfahrbar zu machen: „Nadja berührt versehentlich Stroheims Fuß. Sie entschuldigt sich lächelnd, und ich verfluche den Moment. Beliebtes Wenn-Dann-Spiel: Hätten wir einen Zug später genommen, hätte der Hotelportier etwa uns aufgehalten, wäre es nie zu dieser Berührung gekommen.“

Im zweiten Kapitel verlässt Braun seinen sorgsam abgesteckten Erzählrahmen. Ganz so, als fürchte sich der Autor vor seiner Geschichte, versandet diese in einem Formgemisch. Rosenbaums Ich-Perspektive wechselt mit Erzählpassagen in der dritten Person, auf seitenweise Monologe folgen knappe Dialoge, man blickt in Drehbücher, Briefe, Tagbuchaufzeichnungen. All das ist in einem hohen Erzählstil verfasst, der ständig auf der Kippe zum Manierismus steht: „Paris, Beschwörung von, unendliche Möglichkeiten malerischen, eher poetischen Freitodes, der Tod in allen Elementen, sozusagen vorsokratisch (…) . So oft er kann, stellt Braun seine Klugheit ins Schaufenster: „Können Gefühle jenseits von Worten falsch sein?“ Sein Roman „Nadiana“ erliegt der umgekehrten Krankheit, die vielen Worte um ein so echtes Gefühl wie Eifersucht wirken ambitioniert – weniger wäre hier viel mehr gewesen.

John von Düffels neuer Roman, „Zeit des Verschwindens“, ist zwar um einiges blasser als sein aufsehenerregendes Debüt „Vom Wasser“ im Herbst 1998. Doch man begegnet dem gleichen, wohltuend unangestrengten Erzählton wieder, seinem Streben nach Klarheit im Ausdruck und in den dargestellten Empfindungen. „Zeit des Verschwindens“ erzählt in zwei parallelen Geschichten von der Liebe in ihren vernachlässigten Daseinsformen, der Liebe des Vaters zum Sohn und der Liebe einer Frau zu ihrer verstorbenen Schwester.

Die Form des Romans lässt von Düffels Schulung am Theater erkennen. Der Autor, im Brotberuf ist er Dramaturg am Schauspiel Bonn, hat die beiden Erzählungen kapitelweise verschränkt, so dass sich literarische Spin-Off-Effekte ergeben: „Mit jedem Abschied, so schmerzlich er auch sein mag, fällt etwas von mir ab, das habe ich wirklich geglaubt“, denkt der Vater. Die Frau im Selbstgespräch mit ihrer verstorbenen Schwester: „Lange habe ich nach der Geschichte gesucht, die ich dir schuldig bin, jetzt weiß ich, dass es die Geschichte meines Abschieds ist.“

„Zeit des Verschwindens“ ist eine Variation über das Thema Abschied. Der Vater, ein Manager auf Reisen, kehrt um, es ist der fast vergessene Geburtstag seines Sohnes Philipp, den er über ein Jahr lang nicht mehr gesehen hat. Die spontane Autofahrt nach Hause ist angefüllt mit ängstlicher Erwartung, der Vater sinnt der Entfremdung von seinem Sohn nach, dem Verlust seiner eigenen Kindheit. Das Wiedersehen mit Phillip wird für den Vater zum Schlüsselerlebnis, neue Möglichkeiten tun sich auf, die aber durch ein dramatisches Finale jäh beendet werden. Die Geschichte von den beiden Schwestern hat rhythmische und gliedernde Funktionen, sie dient als Echo auf die jeweils vorangehende Gemütsbewegung des Vaters. Doch auch hier überzeugt von Düffel durch seine sparsame und treffende Figurenzeichnung. „Zeit des Verschwindens“ ist ein unprätentiöser Roman. Vielleicht war er nicht mehr als eine Fingerübung für John von Düffel, aber eine, die für ihren Autor spricht. Von Düffel hat sicher noch viel zu sagen.

Financial Times Deutschland, 2000