Wajsbrot, Cécile

Wajsbrot, Cécile | Der Verrat

Louis Mérian kauft Briefmarken, zehn, obwohl er nur noch zwei braucht. Es bleiben: „Acht nutzlose Briefmarken für acht Briefe, die er nicht schreiben würde.“ Der Satz ist so klug wie lakonisch. Man kann bei Cécile Wajsbrots neuem Roman jede beliebige Seite aufschlagen und wird sie finden, diese klugen, lakonischen Sätze. Hinter denen sich ja eine Haltung verbirgt, es ist die der resignierenden Präzision, oder auch der präzisen Resignation.

„Der Verrat“ spielt zur Zeit der deutschen Besatzung von Paris, er nimmt die Mitläufer ins Visier. Für eine französische Autorin ist das ein mutiges Unternehmen. Die Besatzer und die Kollaborateure, das waren die Anderen; zum Mitläufer aber konnte jeder werden. Wajsbrot rührt an ein Tabu, denn der Generationensprung hat in Frankreich nie zu einer Debatte um die Dulder geführt. Und wen interessiert schon eine Anklage post mortem? Cécile Wajsbrot geht auch mit dieser Verzögerung klug um. Sie hat die Zeit selbst ins Zentrum ihres Romans gerückt, sie arbeitet mit dem Erinnern und dem Vergessen, und erst unterhalb dieser Reizschwelle erzählt sie ihre Geschichte.

Louis Mérian, der Mann, der alles vergessen hat, war ein berühmter Radiomoderator. Nun steht er am Ende seines Lebens. Seine Nächte sind schlaflos, seine Tage dämmern dahin. Dann lädt ihn die Moderatorin Ariane Desprats noch einmal in sein altes Studio ein, sie will ihn nach der Geschichte des Rundfunks befragen. Ariane Desprats fragt ihn auch nach dem Krieg, Mérian reagiert ungehalten. Doch dann befreit sich die Erinnerung: Während des Krieges hat Mérian der Jüdin Sarah seinen Schutz verweigert, sie wurde deportiert und in Auschwitz umgebracht. In seinem damaligen Versagen erkennt er heute den Grund für seine Amnesie, für seinen fortwährenden geistigen Dämmerzustand. Wajsbrot arbeitet jetzt mit Parallelen. Auch Ariane Desprats ist eine Jüdin, alt genug, um Mérians Tochter zu sein. Und wie jener verharrt auch sie in einem mnemotechnischen Vakuum, allerdings steht sie auf der anderen Seite; sie hat nie Verwandte gehabt, an die sie sich hätte erinnern können.

Das alles ist einleuchtend und mit viel Sinn für erzählerische Proportionen komponiert. Rund hundert Seiten kämpft Mérian gegen seine Erinnerung, weitere hundert lässt er sie zu. Nach seinem Suizid bleiben noch einige wenige Seiten, um festzustellen, dass die Überlebenden, Sarahs Tante, Mérians Schwester und Ariane Desprats einander nichts zu sagen haben.

Ein Kammerspiel nimmt da seinen Lauf, die Handlung ist so einfach wie eine hingeworfene Tuscheskizze. Dabei schafft Wajsbrot eine besonders dichte Atmosphäre. Ihre Prosa ist makellos besonders dort, wo sie sich in die Halbwelten begibt zwischen Erinnern und Vergessen, Wachen und Schlafen, Gedanke und Gefühl. Nur der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass ihre Dialoge etwas tapsig geraten; die Erzählpassagen machen es wett.

 

Die Zeit, 2006