Waldmann, Amy

Amy Waldmann, Der amerikanische Architekt. Roman, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Brigitte Walitzek. 512 Seiten gebunden, 24,95 Euro

 

Drei Jahre nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme beschäftigt sich eine New Yorker Jury mit der Ausschreibung für die Gedenkstätte. Die Jury ist hochkarätig besetzt, mit Kunstkritikern, Architekten, einem Vertreter der Hochfinanz. Auch Claire Burwell ist dabei, eine schöne Witwe, deren Mann am 11. September in einem der Türme war. Claires Stimme ist gewichtig, sie steht für die Angehörigen, und die wiederum müssen in der Tagespolitik gehört werden. Claires Favorit ist der Entwurf eines symmetrischen, aus vier Quadraten bestehenden Gartens, den Wasserläufe durchziehen, der mit Bäumen bepflanzt ist. Ein Pavillon soll Gelegenheit zur Einkehr geben. Mit hauchdünner Mehrheit setzt sich dieser Vorschlag durch. Als dann Paul Rubin, der Vorsitzende der Jury, den Umschlag mit dem Namen des Gewinners öffnet, durchlebt auch der Leser einen Moment der Irritation. Der unbekannte Architekt heißt Mohammad Khan. Er ist ein Muslim, Irrtum ist ausgeschlossen.

 

Die New Yorker Journalistin Amy Waldmann, Jahrgang 1969, war dabei, als die Türme am 11. September 2001 in Schutt und Asche fielen. Als Reporterin hat sie von der ersten Stunde an vom Schauplatz berichtet. Umso bemerkenswerter ist es daher, dass sie den Schrecken, das Entsetzen, die starken Emotionen des Tages in ihrem Debütroman „Der amerikanische Architekt“ („The Submission, 2011) nicht bemüht. Mit ihrer klugen Exposition kehrt Amy Waldmann der Wucht der Fernsehbilder den Rücken. Sie flieht die Ikonografie des Ereignisses, auch die Redundanz seiner Deutungen. Damit entrümpelt sie den Raum politischer Erinnerungsrhetorik, um ihn in ihrer Fiktion auf eindringliche Weise neu zu gestalten.

 

Eine verstörte Jury zieht sich zu Beratungen zurück. Wenn ein muslimischer Architekt den Ground Zero gestaltete, könnte dies als eine Geste politischer Toleranz verstanden werden. Oder doch als ein Zeichen grandioser Naivität, denn wer weiß schon, welcher Opfer in diesem Garten gedacht werden soll? Der Juryvorsitzende Paul Rubin trifft sich mit Mohammad Khan, der sich lieber Mo nennt, und findet vor sich einen stolzen, talentierten, jungen Inder der zweiten Generation. Mo verkörpert perfekt den amerikanischen Traum, er ist weltgewandt und ehrgeizig bis zum Anschlag. Die Ambiguitäten überlagern sich, denn Mo hüllt sich über seine politischen Ansichten in ein beharrliches, sich im Laufe des Romans trotzig verhärtendes Schweigen. Dann veröffentlicht eine Boulevardzeitung Mohammad Khans Namen.

 

Die nun folgende Debatte trägt durchaus thesenhafte Züge. Auch bringt Amy Waldmann ein fast allegorisch wirkendes Figurenkabinett, Prototypen des zeitgenössischen Amerikas, in Stellung. Der irischstämmige, etwas schmierige Sprecher der Angehörigen protestiert im Namen der Opfer, reißt auf einer Kundgebung einer Muslimin ein Kopftuch runter. Ein Interessenverband der Muslime setzt sich für Khan ein, gibt ihm die weltgewandte Anwältin Laila (kein Kopftuch) zur Seite. Sie wird Khans Geliebte, das darf niemand wissen. Bürgerwehren gründen sich auf beiden Seiten. Als Khan einen Patzer macht, wollen radikale Islamisten im Ausland seinen Kopf. Immer mehr schriller und immer unübersichtlicher werden die Allianzen, und immer weiter peitschen die Medien die Sache hoch. All dies müsste auf einen neuen Bürgerkrieg zusteuern, doch Amy Waldmann verfolgt ihren Erzählaufbau nicht konsequent zu Ende. Sie bereitet dem Leser ein in der Zukunft liegendes, fast schon utopisches Schlusstableau und enthüllt so einen überraschend hoffnungsvollen Erzählimpuls.

 

Dieser irritiert, schmälert die Verdienste Waldmanns aber kaum. Es gelingt ihr nämlich, die innere Mechanik einer Mediendemokratie bloßzulegen.  // Und sie zeigt, dass in Sachen 9/11 schon längst nicht mehr das Gedenken der Opfer eine Rolle spielt, sondern die Vereinnahmung dieses Gedächtnisses in der Tagespolitik. Der Zynismus der Akteure wird genau so deutlich wie die Hilflosigkeit all derer, die auf Versöhnung setzen. // Eine tief gespaltene, in sich fast schon zerrissene Nation droht vor den Augen der Leser zu fallen.

Amy Waldmann verrät dabei so viel über das reale Amerika unserer Tage wie über das fiktive des Jahres 2004. Eine große Nation droht an dem zu ersticken, was sie groß gemacht hat: an ihrer Vielfalt. Das ist die wahrhaft tragische Achse dieses Romans.

 

Amy Waldmann punktet in diesem Debüt mit viel Sprachsicherheit, politischer Versiertheit einer genauen und ansprechenden Figurenführung, auch mit ihrem akuten Sinn für komische und absurde Situationen. Sie hat einen verdammt guten 9/11 Roman geschrieben, dem man nur eines vorhalten kann: Er genügt nicht, genau so wenig wie seine Vorgänger. Manche Ereignisse der Weltgeschichte sind zu groß für die eine Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln. Sie können nur im Kanon erzählt werden.

 

Tanya Lieske