Wellershoff, Dieter

Wellershoff, Dieter | Der lange Weg

Zeitgeschichte, Lebensgeschichte, Literatur – die in diesem Band versammelten Essays, Dankesreden und Interviews des Kölner Schriftstellers Dieter Wellershoff entstanden zwischen 1998 und 2006. Das entspricht der Zeitspanne, in der der der nunmehr 81jährige seine drei letzten Bücher schrieb und veröffentlichte: Den Roman „Der Liebeswunsch“ (2000), die literaturwissenschaftliche Studie „Der verstörte Eros“ (2001) sowie den Erzählungsband „Das normale Leben“ (2005). Es ist daher reizvoll, sich den gedanklichen Raum vorzustellen, in dem jene kleinere Texte verfasst wurden, Wellershoff nennt sie „Gelegenheitstexte“. Das Sujet der größeren Texte muss in diesem Raum präsent gewesen sein, Texte, in denen es um das Begehren geht und um jene gewaltigen tektonischen Verschiebungen, die dem unterdrückten wie auch dem stattgegebenen Liebeswunsch folgen.

Nun ist in Dieter Wellershoffs Essays vom Eros höchstens randläufig die Rede, dafür umso ausführlicher und beharrlicher von den zerstörerischen und schöpferischen Potentialen der Verdrängung. Wellershoff zitiert hier Roland Barthes: „Das Begehren schreibt den Text.“ Entlang dem Begehren gelangt die Literatur zur simulatio möglichst vieler Lebenswirklichkeiten. Eine „imaginäre Probebühne“ nennt Wellershoff die Literatur in einem Gespräch mit Daniel Lenz und Eric Pütz, und spezifiziert: „Sie sei deshalb der mediale Raum, in dem sich unsere Wahrnehmung des Lebens erneuere und vertiefe.“ Diese verdichtende Eigenschaft der Literatur begründet Wellershoff doppelt, psychologisch nach Sigmund Freud, und nach Helmuth Plessner anthropologisch, denn in der exzentrischen Position des Menschen birgt sich die Möglichkeit, durch Einfühlung auch jene Vorgänge zu simulieren, die man nicht erlebt hat. In einer Abgrenzung zu Martin Walser postuliert Dieter Wellershoff hier das Primat der Vorstellung über die Sprache. Er nimmt Abstand sowohl von der gesellschaftlichen Vereinnahmung als auch von der reinen Selbstbezogenheit von Literatur und positioniert sich in einem spitzen Winkel dazu als derjenige, dem Erkenntnis das höchste Anliegen ist. Eine Poetik in nuce also ist dieses vorzügliche Gespräch, welches mit Bedacht an den Anfang der Sammlung gestellt wurde. Keines der folgenden Gespräche erreicht eine vergleichbare Tiefenschärfe, Reden und Essays ergänzen das bereits Gesagte, wobei sich bei den biografischen Stücken vermeidbare Überschneidungen ergeben.

In den autobiografischen Texten, „Was war, was ist“, „Die Nachkriegszeit“ und „Risse“ zeichnet Wellershoff seinen Werdegang als Sprössling eines protestantisch geprägten, wiewohl atheistisch ausgerichteten Elternhauses im überwiegend katholischen Rheinland. Die vielen Zusätze machen auf Reibungsflächen aufmerksam. Es ist verlockend und wäre sicher ergiebig, den biografischen Faden weiterzuspinnen; von dem Kind, welches mehrere Positionen gleichzeitig im Blick hatte, hin zu dem Schriftsteller zu gelangen, der als „psychologischer Realist“ bezeichnet wird, und der sich glänzend darauf versteht, in seinen Prosatexten eine simultane Innnen- und Außenperspektive herzustellen.

Dieter Wellershoff verfolgt aber einen anderen Faden. Ihn interessieren, übrigens analog zu seinem schriftstellerische Prozedere, die überbiografischen Aspekte im eigenen Lebenslauf. Die Stunde Null geistert durch diese Reden als sei sie gestern gewesen, denn in ihr vollzieht sich beispielhaft der Kollaps aller Doktrinen, Ideologien und Glaubenssätze. Diese Stunde Null ist exemplarisch für die Bedingung der Menschwerdung, welche sich für Wellershof in der Philosophie der Freiheit begründet. Hier fällt die biografische Lebenslinie mit der kollektiven überein, denn als junger Student an der Bonner Universität 1947 macht sich Wellershoff mit dem französischen Existentialismus vertraut und pflegt eine lebenslange geistige Nähe zu dieser Schule.

Dieter Wellershoff, Jahrgang 1925, gehört der interessanten Generation an, die selbst noch Kriegsteilnehmer war, und die einen Vater hat, der ebenfalls an der Front war. Um in der Terminologie der Siebziger Jahre zu sprechen, Dieter Wellershoff war sowohl Vater als auch Sohn. Von seinem Vater, der für kurze Zeit der SA angehörte, und der lange an die Integrität der Wehrmacht glaubte, zeichnet Wellershoff ein liebevolles und im Lauf der Jahre erstaunlich ungebrochenes Bild. „Groß und schlank, wie er war, stand ihm die neu blaugraue Luftwaffenuniform mit den maßangefertigten Schaftstiefeln und den Breecheshosen ausgezeichnet. Er hätte als Dressman für Uniformen auftreten können“, heißt es zum Beispiel in „Risse“. Es klingt so viel Bewunderung mit, dass man meint, das zehnjährige Kind zu sehen, welches durch einen Türspalt lugt. In der Verlängerung dieser Perspektive verwahrt Wellershoff sich gegen den „Generalverdacht der 68er-Generation, daß die schweigenden Väter … sämtlich verkappte Nazis“ seien. Und auch sein prononziertes Eintreten für Günter Grass vom vergangenen Sommer erscheint hier in neuem Licht. In dem nun erstmals veröffentlichen Text „Die Nachkriegszeit – Anpassung oder Lernprozeß “ stellt er immerhin fest, die moralische Instanz Grass sei „auf Kosten der Komplexität zu einer autoritären Rolle erstarrt.“

Viele Begegnungen, die Wellershoff als Autor und langjähriger Lektor des Kiepenheuer und Witsch Verlages hatte, lesen sich wie ein Stück Zeitgeschichte. Sein Verhältnis zu Heinrich Böll, den Wellershoff als Lektor betreute, war so spannungs- wie respektvoll. Mit dem katholisch grundierten Mystizismus des Autors konnte Wellershoff nichts anfangen, doch er wusste um die Bedeutung des Katholizimus als Movens für Bölls Werk: „Von vorneherein war mir klar, daß diese in der Empfindungswelt des Autors verankerten Denkmuster nicht zur Diskussion standen, denn sie waren es, die seine Wahrnehmung der Welt bestimmten und seine Phantasie in Bewegung setzten. Sie waren der Quellgrund seiner Kreativität.“ Der literarische Gigant Böll ließ seine Romane von einem Mann lektorieren, der ihn, anders als alle Welt, nicht mit Lob und Zustimmung überhäufte. In aller anekdotischen Beschaffenheit verführt uns dieser Text, geschrieben für den „Stern“ 1998, zu der Annahme, es habe einmal eine gute alte Zeit gegeben, in der gegenseitiger Respekt jedwegliche Eitelkeit überwog.

Bleibt Gottfried Benn. Mit einer Dissertation zu Benn begründete Wellershoff einst seine Laufbahn. Gut sechzig Jahre später, auf einer Gedächtnisfeier des Berliner Westend-Krankenhauses, scheut er sich nicht, dem Lyriker in einer Schlussrechnung „Larmoyanz“ und „blasierte(n) Attitüden von Lebensverachtung“ vorzuwerfen. In aller Heftigkeit gründet sich dieser Vorwurf in der fruchtbaren Ungeduld des Alters, die sich des Glücks bewusst ist, nicht nur gelebt, sondern überlebt zu haben. Dieter Wellershoffs gedankliche Schärfe und sein klarer Stil machen Freude. Es ist ein an Anregungenen reiches Buch geworden.

 

Die Zeit, 2007