Winton, Tim

Winton, Tim | Der singende Baum

Gestählte Surfer, die ihr Segel im Gegenlicht der Sonne ausrichten, sucht man in diesem Australien-Roman vergebens. Gesurft wird nur im Internet: Georgie Jutland, die 40jährige Hauptfigur, schlägt sich ihre Nächte in Chatrooms und mit zu viel Wodka um die Ohren. Sie ist in White Point gestrandet, einem fiktiven Fischerort an der australischen Westküste. Die Wellblechhütten der 50er Jahre sind protzigen Villen gewichen, doch nur ein dünner Firnis liegt über den rauhen Sitten der frühen Siedler. Georgie Jutland ist in dieser eingeschworenen Gemeinde die Fremde. Sie hat ihren Beruf als Krankenschwester an den Nagel gehängt, eher zufällig lebt sie mit Jim Buckridge, dem Witwer und ersten Fischer des Ortes zusammen.

Dann taucht Luther Fox auf, auch er ist ein Außenseiter. Er hat seine Familie bei einem Unfall verloren und mit dem zivilisierten Leben abgeschlossen. Er plündert die Netze der Fischer und verkauft den Fang auf dem Schwarzmarkt. Luther Fox wird von Georgie erwischt, sie verlieben sich, sein Leben auf dem Spiel, falls er/sie entdeckt werden, was dann auch geschieht.

„Der Singende Baum“ („Dirt Music“, 2001) heißt der jüngste Roman des australischen Autors Tim Winton, dessen Name in Australien seit Jahren auf den Bestsellerlisten steht. Winton, Jahrgang 1960, bevorzugt traditionelle Themen, er schreibt viel, und fast immer über Liebe, Ehe, Familie. Der neue Roman ist nicht so gefällig geraten seine Vorgänger. Winton, der sich sieben Jahre Zeit gelassen hat bis zur Veröffentlichung von „Dirt Music“, beweist sprachlichen Ehrgeiz und einen langen Erzählatem. Er lässt sich viel Raum, die Psychologie seiner Hauptfiguren zu entwickeln. Jim Buckridge, Georgie Jutland und Luther Fox stehen alle kurz vor oder nach dem Wendepunkt ihres Lebens, sie sind 35 bis 48 Jahre alt, beschäftigen sich mit ihren Versäumnissen, mit sich überlagernden Sehnsüchten und Bedürfnissen. Buckridge hat seine Frau, Fox gleich seine ganze Familie verloren. Georgie Jutland hastet von einer Partnerschaft zur anderen, Luther Fox meidet die Menschen. Beide haben eine Berufung, den sie nicht mehr ausüben, er war Musiker, sie Krankenschwester. Ihr Weg zueinander bringt sie zu ihren Berufen zurück, so weit der didaktische Teil dieses Romans.

Die Geschichte entfaltet sich langsam, Winton lässt sich Zeit für atmosphärische Details und kleinere Handlungsstränge, die wieder verschwinden. Die Dreiecksgeschichte wird nicht von Eifersucht oder Rachegelüsten vorangetrieben, vielmehr bewegen sich die Protagonisten vorsichtig, sie meiden unbedachte Schritte und geben sich keine Blöße. Sie sind wortkarg, ihre knappen Dialoge geben auch den schroffen Umgangston des Outback wieder. Winton ist es gelungen, die meisten Klischees zu umschiffen, besonders in bezug auf den Outback. Die Bewohner von Whitepoint beweisen latente Gier und Gewaltbereitschaft. Die rauhe Küstenlandschaft des westlichen Australiens liegt unter einer Sonne, die so erbarmungslos brennt, daß sich der Kopfschmerz sogar beim Leser einstellt.

Als Luther Fox angegriffen wird, muß er fliehen. Es zieht ihn nach Norden, in die Subtropen. Auf dem Weg trifft er allerlei abgehalfterte Gestalten, die nichts zu tun haben mit den üblichen fröhlichen australischen Roadmovies. Fox sucht die Einsamkeit auf einer Insel, er nährt sich von Fischen und vegetiert vor sich hin. Er wird zu dem weißen Wilden, der seit dem späten 19. Jahrhundert zum Kanon der gehobenen australischen Literatur gehört. Wenn Winton die Auflösung des Menschen beschreibt, sein Delirium in dem Land, das nicht besiedelt werden wollte, wird die Prosa zum Stakkato. „Jetzt ist nichts mehr übrig von ihm, nur noch leuchtende Gegenwart. (…). Ein Wind fährt in den Boab. Der Fels verschluckt den Quoll. Er singt. Er wird gesungen.“ Tim Winton hat mit „Der Singende Baum“ seinen anspruchsvollsten und bislang besten Roman geschrieben.

 

FAZ, 2004